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Story: © by Pete® Haarmann

   

Veröffentlicht: im Februar 2010

     

     

Eintausend drüber und drunter
Teil drei der Brocken-Trilogie von Pete® Haarmann anlässlich der Brocken-Challenge (BC) 2010, die in diesem Jahr von mir als Auftaktveranstaltung zu meiner ganz persönlichen HIGHLIGHT SERIES 2010 auserkoren wurde.

Pete’s HIGHLIGHT SERIES 2010
- Brocken-Challenge (86 km)
- Iserlohner Stadtwerke-Lauf (24h)
- TorTour de Ruhr (230 km)
- DUV Deutsche Meisterschaft (24h)
- STUNT100 (100 mi / 161 km)
- Röntgen-Jubiläumslauf (100 km)

Der Teil und das Ganze
Teil I: Der (Kotz-)Brocken – BC 2008
Teil II: Der Warmduscher – BC 2009
Teil III: Eintausend drüber und drunter – BC 2010

Anmerkung zum Titel des 3. Teils: Die Ähnlichkeit mit einem Buchtitel von Hermann Buhl ist kein Zufall, er wurde von mir bewusst so gewählt.

The same procedure as every year
Um es vorwegzunehmen, dies wird vermutlich der letzte von mir verfasste Bericht über die BC sein – also genieße ihn! Begründung: Sonst wäre es keine Trilogie mehr ;-) Der Begriff Trilogie bezieht sich lediglich auf die Berichterstattung und nicht auf die Anzahl meiner Teilnahmen an der BC, wie du vermutlich noch bis gerade gehofft hast. Es sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben, die Herausforderung beginnt nicht mit dem Start der BC in aller Frühe am Kehr, sondern mit dem „Kampf“ um die heiß begehrten Startplätze. Der Modus ist fair, eine Garantie für einen Startplatz gibt es nicht. Es gilt somit weiterhin:

Der frühe Vogel fängt den Wurm.

Von denen, die (wieder) zu spät dran waren, hört man hingegen: „Der frühe Vogel, der kann mich mal!“ Auch meine dritte Teilnahme schütz vor weiteren Anmeldungen nicht. „Jens, du hättest mich niemals mit nach Göttingen nehmen dürfen, aber ich bin dir überaus dankbar dafür.“ Also keine Bange, ich komme wieder, um mich diesem Erlebnis erneut auszuliefern. Bei meinem Jubiläum - der 10. erfolgreichen Teilnahme in Folge - möchte ich dann bitte schön von einer Stretch-Limousine mit getönten Scheiben und geziert von einem Malteser-Emblem nach Schierke befördert werden. Also lasst euch was einfallen, wie ihr dies bewerkstelligt.

Systemvoraussetzungen
Für eine fehlerfreie Installation dieses Erlebnisberichtes in deinem Kopf (Absorption des Inhaltes) gelten die nachfolgend genannten Systemvoraussetzungen:

- Du hast den Bericht „Der (Kotz-)Brocken“ gelesen.
- Du hast den Bericht „Der Warmduscher“ gelesen.
- Du bist dem Ultramarathonsport wohl gesonnen.
- Du möchtest selber mal an der Brocken-Challenge teilnehmen,
  oder hast dies bereits auf deiner Todo-Liste abgehakt.

Falls du nicht mindestens drei der genannten Voraussetzungen erfüllen kannst, lass lieber die Finger von diesem Bericht. Ich warne Neugierige ;-)

Meine Losung für 2010
Der offizielle Leitspruch zur Brocken-Challenge „Von der Gewalt; die alle…“ ist ja bekanntlich dem deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe entliehen, und sollte dir mindestens bekannt sein, oder gar fehlerfrei ergänzt werden können. Beginnen möchte ich meine Berichterstattung allerdings mit einem anderen Zitat von Goethe, welches eine treffende Überleitung zu den Geschehnissen an jenem Februarwochenende herstellt.

Sobald der Geist auf ein Ziel gerichtet ist,
kommt ihm vieles entgegen.

Die Mitglieder des Orga-Teams werden mir vermutlich uneingeschränkt beipflichten, für die 2010er Veranstaltung gibt es wohl kaum eine schönere Umschreibung.

Vorbereitung mit Vorfreude
Doch bevor ich es richtig losgeht, lass mich ein paar Worte über die Vorbereitungsphase verlieren. Deutschland ist in Schnee gehüllt und erlebt einen der härtesten Winter seit langer Zeit. Für die einen ist es nur ein strenger Winter, und für die anderen bereits der Beginn einer neuen Eiszeit. Ein Effekt namens El Niño soll ja für diese Wetterkapriolen verantwortlich sein. Die Bedingungen sind vielerorts gleich und verlocken zu erfahrungsintensiven Trainingseinheiten – nennen wir es mal vorsichtig Training unter Extrembedingungen. Ich war ziemlich überrascht, als ich eines Morgens gegen 6 Uhr in Laufklamotten vor die Tür trat und in der kalten Luft augenblicklich erstarrte. Wir hatten minus 16 Grad Celsius, als meinen bis dahin für ausreichend befundenen Handschuhen sehr schnell die Grenzen aufgezeigt wurden. Auch die Atmung durch die Nase brachte ganz neue, erfrischende Erkenntnisse. Die Rotze kristallisierte blitzschnell zu Eis, begleitet von einem merkwürdigen Knistern in den Nasenflügeln. Seither gehört eine kleine Flasche Türschlossenteiser zu meiner Standardausrüstung, um mir unterwegs die Nüstern durchpusten zu können – bitte nicht nachmachen. Die Entscheidung, ohne Mütze (nur mit Kappe) zu laufen, erwies sich im Nachhinein als äußerst aufschlussreich. Noch eine gute Stunde nach der zweistündigen Trainingseinheit hatte ich Schwierigkeiten, meine Ohren wieder für die Geräuschwahrnehmung zu sensibilisieren. Da sich der Hochharz, und im Speziellen natürlich der Brocken(-gipfel) himself, als sehr experimentierfreudig erweisen können, was die Wetterbedingungen anbelangt, sollte ich besser einige Bekleidungskomponenten noch mal einer gründlichen Prüfung unterziehen. Ich wollte schließlich optimal auf alle möglichen Situationen vorbereitet sein. In der Handschuhfrage habe ich mich für die Variante mit zwei übereinander gestreiften Paar Handschuhen entschieden, so kann man wunderbar einen sehr großen Temperaturbereich abdecken. Sollte es im Laufe des Tages wärmer werden, findet das zweite, überflüssig Paar im Rucksack Platz. Ich möchte auch nicht unbedingt wie Mr. Steelhammer mit dicken Fäustlingen durch die Gegend laufen. In der heißen Vorbereitungsphase habe ich in Summe ca. 400 Kilometer auf Eis und Schnee abgelaufen und durfte mich immer wieder an unterschiedlichen Bodenverhältnissen erfreuen. Das Spektrum reichte von Matsch und Tiefschnee, über Blankeis, bis hin zu steif gefrorenen Reliefbildungen. In diesem Zusammenhang ist mir ein Teilstück des Ruhrtalradweges in einprägsamer Erinnerung geblieben. Nahezu 40 Kilometer auf diesem gefrorenem, zerklüftetem Untergrund haben den Gelenken und dem Durchhaltevermögen einiges abverlangt. Auf glattem Untergrund ist es besonders wichtig, locker zu bleiben und nicht zu verkrampfen. Nur so kann man sich kräftesparend über Stunden hinweg fortbewegen. Die Laufökonomie entscheidet darüber, inwieweit man sich zum Schluss doch noch unnötig quälen muss. All diese Erfahrungen haben ihren Beitrag dazu geleistet, der BC mit einem guten Gefühl entgegenfiebern zu können, einem Gefühl des gut-vorbereitet-seins. So, das sollte es aber zu diesem Thema auch gewesen sein, ich lasse mir ja eigentlich nicht so gerne in die Karten gucken!

By The Way
Die Kids haben große Augen gemacht, als ich am Freitagmorgen urplötzlich in ihrem Zimmer auftauchte. „Papa, du zuhause?“ fragte die Ältere zögerlich. Die Erleichterung war ihnen unschwer anzusehen, als die Mama mir zuvorkommend antwortete: „Keine Panik, Papa ist das ganze Wochenende nicht daheim, er ist Laufen.“ Da wurden spontan wahre Freudentänze aufgeführt und ich wurde direkt mit einer ganzen Litanei von Regelverstößen konfrontiert, die man gewillt war in die Tat umzusetzen, sobald ich das Haus verlassen würde. Menschenskinder, wenn es doch so einfach ist, den Kleinen eine Freude zu bereiten, warum laufe ich eigentlich nicht jedes zweite Wochenende diese Brocken-Tour? Das ist eine wirklich gute Frage. Kinder, ihr habt mich da gerade auf eine vorzügliche Idee gebracht.

Fastfood Tapering
Ein Tapering der besonderen Art habe ich dann mehr oder weniger unfreiwillig in einem ortsansässigen Restaurant einer großen Fastfoodkette (fängt mit M an und hört mit s auf) praktiziert. Wer konnte auch ahnen, dass die Anreise so zügig von statten gehen würde? Folglich ergab sich ein Zeitüberhang von gut drei Stunden bis zum Briefing im Institut für Sportwissenschaften (IfS) der Uni Göttingen. Burger, Salat, Cola, Käsekuchen, Kaffee, Kaffee, Kaffee und Kaffee… die ganze Zeit über in kurzweiligen Gesprächen mit Leidensgenosse Bernd aus Hagen versunken. Man konnte es bereits spüren, der Brocken kam unausweichlich näher, obgleich zu diesem Zeitpunkt (bezogen auf meinen Kenntnisstand) noch nicht einmal feststand, ob der Brocken überhaupt das Ziel der diesjährigen Brocken-Challenge sein würde. Es hatte im Vorfeld reichliche Spekulationen über die Streckenführung gegeben, verständlicherweise, denn die Wetterverhältnisse waren derart unbeständig, so dass eine verbindliche Aussage diesbezüglich keinen Sinn gemachte hätte. Ich war innerlich darauf vorbereit alles zu akzeptieren, was Organisator Markus und sein Team uns in ein paar Stunden präsentieren würden. Im Laufe der Jahre hat man sich eine gewisse Gelassenheit antrainiert, die einen davor bewahrt, Nichtigkeiten eine zu große Bedeutung beizumessen.

Die Challenge beginnt spätestens mit dem Betreten des Hörsaals des IfS – für mich jedenfalls. Der Körper beginnt allmählich mit der Produktion und Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin, infolge dessen die Herzfrequenz ansteigt. Es ist wie bei kleinen Kindern, die sich auf die weihnachtliche Bescherung einstimmen. Ja, ich denke, dieses Gefühl kann jeder nachvollziehen und es beschreibt die Stimmung im Saal nahezu perfekt. Hier konnte man wieder eine Menge über die BC erfahren, und das nicht nur in Bezug auf die „technischen Daten“, sondern auch über die Menschen hinter dem Brocken (den Kulissen) – die vielen, vielen Helfer, die eine mittlerweile als Großveranstaltung geltende BC erst möglich machen. Als weiteren Höhepunkt mit überdurchschnittlichem Unterhaltungswert möchte ich die Streckenpräsentation von Andreas (The Brain) hervorheben – wirklich gelungen, diese Darbietung. Danach stand nun fest: Der Brocken ist und bleibt das Ziel der BC, obwohl die Strecke von Göttingen hoch zum Brockengipfel in diesem Jahr nicht komplett gelaufen werden kann. Ein Shuttelservice sollte dafür Sorge tragen, dass ein ca. 1,5 km langer Streckenabschnitt, an einer Bundesstraße gelegen, gefahrlos überbrückt werden kann. Die Gesamtdistanz war allerdings größer als noch bei der BC 2009 und wurde mit ca. 86 km beziffert, bei 2500 Höhenmetern. In ihrem Urteil war sich die Läufergemeinde schnell einig, die BC ist weiterhin als eine CHALLENGE zu betrachten und der Shuttelservice wird nicht zum Weichspüler für die BC. Eine Streckenverkürzung, oder ggf. auch ein U-Turn nach 42 km, würde wahrscheinlich als Lösung nicht so wohlwollend aufgenommen, wie der Wehrmutstropfen einer unbedeutenden Distanz von einem geschissenen Kilometer, die nun im Auto zurückgelegt werden musste. Die Tatsache, dass es zwei Tage vor dem Start auf der ursprünglichen Route noch Abschnitte gab, wo man für 6 km Wegstrecke 3 Stunden Zeitaufwand investieren musste, sei nur beiläufig erwähnt – einfach unvorstellbar! Auch wenn ich zugeben muss, dass eine solche Passage einen gewissen Reiz auf mich ausübt… Ach was schreibe ich denn da. Ich bitte, dies nicht weiter zu beachten.

Kehr ein, Kehraus
Das Jägerhaus am Kehr war in diesem Jahr wieder meine Anlaufstelle im Anschluss an die Vorbesprechung. Nach dem Abendessen wurde zügig der Speiseraum zum Schlafraum umfunktioniert. Hier sollte erstmals mein neu erstandenes Feldbett zum Einsatz kommen. Ich werde doch wohl keine neidischen Blicke auf mich ziehen, wenn ich gleich mein Kingsize Feldbett aufbauen würde? Ich muss sagen, die Anschaffung hat sich fett geloht. Geschlafen habe ich zwar nicht (viel), aber man spart viel Zeit bei Auf- und Abbau. In diesem Zusammenhang habe ich schon recht abenteuerliche Geschichten erlebt. Da wurden Luftmatratzen mit den Ausmaßen einer mittelgroßen, schwimmenden Badeinsel mittels Kompressor auf ihren Einsatz vorbereitet. Man bedenke, diese Monster am anderen Morgen wieder auf ein handliches Packmaß zu komprimieren, kann unzählige Minuten in Anspruch nehmen. Und genügend Zeit zu haben, ist vor einem Ultra(-start) schließlich genau so wichtig, wie ausreichend Flüssigkeit während des Laufs aufzunehmen. Möglichst stressfrei den Startblock in den Boden rammen, das ist meine Devise. Ich hasse Unruhe und Hektik im Vorfeld. Dies zu vermeiden, ist mir erneut gelungen, nicht zuletzt aufgrund der kurzen Rüstzeiten – ein gutes Omen, ich fühle mich gut.

Here we go
„Ich wünsche Euch, dass der Lauf schön hart wird.“ mit diesen Worten schwört Markus seine vor ihm angetretene Läuferschar nochmals auf die bevorstehende Aufgabe ein. Ja, Markus weiß wie er die Meute so richtig heiß macht. Ich bin mir fast sicher, die meisten Teilnehmer haben sich harte Bedingungen inständig herbeigesehnt. Okay, das gibt sich in der Regel nach 50 bis 60 Kilometern wieder, dann wird das Weltbild wieder zurechtgerückt sein und die Flausen sind ausgetrieben. „Brocken-Challenge 2010, here we go!“ Ah, es geht endlich los…
Ich finde mich in den vorderen Reihen wieder, nicht durch Zufall, sondern ich habe mich absichtlich dort einsortiert. Ich halte Ausschau nach meinen vermeintlichen Kontrahenten. Natürlich möchte ich gerne das Vorjahresergebnis anpeilen, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, exakt 86 schmackhafte Kilometerchen. Auch wenn der Spirit einer Wohltätigkeitsveranstaltung über der BC schwebt, so ist für einen ambitionierten Läufer die Reihenfolge der Zielankunft nicht unwichtig. Um es klar und deutlich auszudrücken, Erster wird man nicht durch Zufall. Das ist ein ganz hartes Stück Arbeit, welches bereits hinter einem liegt, wenn der „Startschuss“ fällt. Die Tatsache, dass auf dem Brockengipfel keine Siegerehrung zelebriert wird, schmälert den Erfolg in keiner Weise. Ich muss ehrlich gestehen, eine Siegerehrung wäre fehl am Platze, wenn sie nicht gar die tolle Atmosphäre nach Zieleinlauf eintrüben würde. Also lasst am besten alles so, wie es ist – mein Appell an das Orga-Team.

Fackelzug
Der Start ist ein paar Minuten alt und das Feld zieht sich allmählich auseinander. Beim Blick zurück bietet sich mir eine imposante Kulisse. Ein Heer von Stirnlampen schwebt durch den Göttinger Stadtwald, der Weg ist von lodernden Fackeln gesäumt. Bei aller Romantik am frühen Morgen ist trotz alledem höchste Konzentration gefordert. Ein Fehltritt, und die Challenge könnte hier bereits zu Ende sein. Bei den Stirnlampen scheint es doch signifikante Unterschiede zu geben. Während ich bei meiner Funzel den Eindruck habe, mit der Leuchtkraft einer Parkleuchte unterwegs zu sein, müssen sich einige wohl einen Xenon-Scheinwerferr im Fernlichtmodus auf die Rübe montiert haben – sehr beeindruckend. Okay, mit der Lampe komme ich irgendwie zurecht, aber hätte ich mir nicht doch besser die Y*****x (Schneeketten für die Schuhsohlen) zulegen sollen? In diesem Winter hätte sich deren Anschaffung sogar gelohnt. So muss ich nun doch einige zeihen lassen, als es auf glattem Untergrund bergab geht. Aber nach dem ersten Verpflegungspunkt in Landolfshausen finde ich mich wohlbehalten in der Spitzengruppe wieder.

Hund oder Katze?
Auf den nächsten 30 Kilometern werde ich mir einen offenen Schlagabtausch mit Michael aus Berlin liefern. Wir wechseln uns hin und wieder bei der Führungsarbeit ab, wobei der spätere Sieger und Mitinhaber des Streckenrekords (Andreas) sich zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich abgesetzt hat und über alle Berge zu sein scheint. Eigentlich fühle ich mich, direkt hinter Michael laufend, ganz wohl in meiner Haut. Mir geht spontan ein Zitat von Bernd Heinrich durch den Kopf:

Es kommt der Zeitpunkt, da musst du dich entscheiden,
ob du lieber Hund oder Katze sein möchtest.

Ich habe mich entschieden, ich bin lieber räudiger Hund und laufe hinter der Katze Michael her. Der Untergrund ist weiß Gott nicht einfach zu laufen. Als besonders schwierig empfinde ich, in der tief eingedrückten Fahrspur eines Autoreifens zu laufen. Der Rand ist steif gefroren und die enge Spur zwingt einen zu einem unnatürlichen Bewegungsablauf, das geht direkt auf meine Hüftgelenke. Immer wieder treffe ich mit einem der Schuhe den Knöchel des jeweils anderen Fußes. Aber es hilft alles nichts, humpelnder Weise, mit einem Fuß in der Spur und dem anderen außerhalb ist ebenfalls großer Mist. Hoffentlich ist der Scheiß bald vorbei.

Metamorphose
Die erste Marathondistanz ist bald geschafft und damit ist auch das „Vorgeplänkel“ endlich vorbei, um Hansi zu zitieren. Jetzt geht’s gleich zur Sache Schätzchen. Ich passiere nun die Stelle, an der mich Hansi im letzten Jahr hat stehen lassen, sprich mich eiskalt überholt hat und ward nicht mehr gesehen. Als ich mich noch mit der Rampe zum Brockengipfel beschäftigt habe, kam er mir bereits wieder gutgelaunt entgegen – wohl gemerkt nachdem er bereits das Ziel erreicht hatte. Aber es ist wahrlich keine Schande, von Hansi überholt zu werden, ich empfinde es mehr als eine Art Auszeichnung. Wie meinte Markus doch in der Vorbesprechung: „Hansi schlägt kurz oben an, läuft die Rampe wieder runter und fährt mit dem eigenen Auto nachhause“, so, oder so ähnlich jedenfalls. An gleicher Stelle (also kurz vor Barbis) kann ich nun Michael abschütteln und vollziehe damit unweigerlich die Metamorphose vom Hund zur Katze. Ich erreiche den nächsten Verpflegungspunkt in Barbis ohne Begleitung.

Entsafter 2.0
Nach kurzem Aufenthalt geht es hier wirklich zur Sache, keine Scherz, keine Übertreibung. Der Harzrand ist erreicht und man kann durchaus von verschärften Bedingungen sprechen. Ich befinde mich nun direkt am Einstieg zur „Weißen Hölle“. Der Schnee wirkt wie ein Weichzeichner und lässt die weiße Wand, die sich vor mir aufgebaut hat, noch anmutig erscheinen. Der Schein trügt natürlich, schnell schwinden die Kräfte und an Laufen ist momentan nicht mehr zu denken. Ich sollte vorsichtig zu Werke gehen, denn aufgrund der geänderten Streckenführung gibt es keinen Flüssigkeitsnachschub am Jagdkopf, sondern erst wieder einige Kilometer später am Oderstausee. Die richtig steilen Passagen gehe ich von nun an, auf den flacheren Teilstücken muss ich mich immer wieder zum Laufen zwingen. Die Mantra lautet:

DIS-ZI-PLIN

Am Jagdkopf angekommen geht es linker Hand hinab zum Oderstausee. Ab jetzt befinde ich mich auf der Alternativroute zur Südharzloipe. Genießen kann ich diese Talfahrt beim besten Willen nicht. Ich muss mit jedem Schritt, mit dem ich an Höhe verliere, bereits daran denken, dass ich mir jeden einzelnen Höhenmeter wieder verbissen zurückerkämpfen muss. Dieser Oderstausee, oder wie dies verfluchte Gewässer auch heißen mag, hat meine gesamten Vorräte an Motivation aufgezehrt, und nicht nur diese. In der Vorbesprechung war von zwei Campingplätzen die Rede, wobei ich der Meinung war, bereits am ersten Campingplatz wieder verpflegt zu werden. Ein bedauerlicher Irrtum meinerseits, wie sich nun herausstellt. Zudem war die Distanz zwischen den beiden Campingplätzen (Luftlinie gemessen) auf der Karte einem Fliegenschiss gleich. In der bitteren Realität da draußen ist das mindestens ein gefühlter Halbmarathon. Mit diesem Streckenabschnitt hat man einen Entsafter neuester Generation installiert, er arbeitet wirklich mit größtmöglicher Effizienz und Zuverlässigkeit. Ich bin total ausgedörrt.

Boxenstopp
Nachdem ich nun stundenlang alleine unterwegs war und hinter mir keinen anderen Teilnehmer erspähen konnte, werde ich nun erneut von Hansi attackiert. Immerhin diesmal erst nach 60 Kilometern. Im Grunde habe ich schon länger damit gerechnet. „Du schon wieder“ rutscht es mir raus. Wir laufen cirka einen Kilometer gemeinsam bis zum zweiten Campingplatz an der Erika-Brücke. Ich lasse mir hektisch die Pulle auffüllen und im nächsten Moment nutze ich auch schon den Shuttelservice, mit dem ca. 1,5 km Strecke überbrückt werden, bevor man uns wieder in die Wildnis entlässt. Das ganze erinnert mich eher an einen hektischen Boxenstopp, wie er in der Formel 1 praktiziert wird, und hat mit Verpflegungspunktromatik nicht viel zu tun. Aber es ginge natürlich auch anders, dieser Stress ist letztendlich hausgemacht. Ich überlege ernsthaft, ob ich beim nächsten Start (gemeint ist die BC 2011) nicht lieber zum Genussläufer mutieren soll. Aber dieser Gedanke kann hier und jetzt nicht zu Ende gedacht werden. Der Wagen hält, die Türen öffnen sich, Läufer stürzen sich wieder Hals über Kopf auf die Strecke. Hansi macht Druck und ich rechne nicht damit, ihn vor dem Brockengipfel noch mal wiederzusehen. Langsam entschwindet er meinem Blickfeld.

Wieder allein, allein
Für die pittoreske Landschaft habe ich jetzt nun wirklich keinen Blick mehr übrig, der Harz möge mir dies verzeihen. Starren Blickes erfasse ich nur die direkt vor mir liegenden drei bis fünf Meter des Weges, immer auf der Suche nach der Ideallinie. Ich bin froh, nicht im Pulk unterwegs zu sein, nur so kann ich mir in Ruhe meinen Weg suchen. Über die Atmung kontrolliere ich den Laufrhythmus. Die Schrittweite wähle ich möglichst kurz, um das kräftezehrende Einbrechen in den Schnee zu verhindern. Ich komme gut voran, so glaube ich zumindest. Der Blick zurück ist mittlerweile zur Routine geworden, es ist immer noch kein nachfolgender Läufer in Sichtweite. Aus Erfahrung weiß ich jedoch, wie schnell sich diese Situation auch ändern kann. Ich spreche mir selber Mut zu...

Die anderen sind genau so kaputt wie ich, selbst wenn sie aufschließen sollten, müssen sie noch an mir vorbeiziehen. Ebenso wenig wie ich derzeit in der Lage bin, den Abstand zu Hansi zu verkürzen, dürften sie zu solch einem Kraftakt auch nicht mehr befähigt sein.

Ach ja, das sind eigentlich nur Durchhalteparolen, um den inneren Schweinehund zu beeindrucken und das Feuer der Motivation zu nähren. Der noch vor mir liegende Streckenabschnitt bis zur Lausebuche ist die große Unbekannt in meiner Gleichung. Ich rechne mit mindestens einer guten Stunde bis zum Parkplatz. Eine Gruppe Wanderer kommt mir entgegen und man reicht mir einen Becher Tee. „Bis zum Parkplatz ist es nicht mehr weit“ teilt man mir mit. Und tatsächlich, ich werde diesmal vom Verpflegungspunkt Lausebuche quasi überrascht. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie lange ich seit Erreichen der Erika-Brücke jetzt unterwegs bin. Es interessiert mich auch ehrlich gesagt nicht, Gleichgültigkeit macht sich breit.

Ende in Sicht
Nur noch zwei Verpflegungsstopps (Königskrug und Oderbrück), dann ist es hoffentlich vollbracht. Bei den Distanzangaben, gemessen von einem Verpflegungspunkt bis zum nächsten, wird wieder mit rationalen Zahlen gearbeitet. Noch vier bis fünf Kilometer bis zum nächsten VP, das hört sich harmlos an, das kann mein Gehirn wieder verarbeiten, die Beine müssen dies sowieso. Beim Eintreffen am Königskrug sehe ich zu meiner Überraschung Hansi, wie er sich gerade wieder auf den Weg macht. Aber die Rangkämpfe sind vorbei, die Reihenfolge scheint festzustehen. Ob Hansi genau so denkt, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls möchte ich zu diesem Zeitpunkt nicht mit ihm tauschen wollen. Ich bin froh, keinen direkten Verfolger in Sichtweite hinter mir zu haben. Man möchte sich doch jetzt nicht noch die Butter, respektive die Wurst vom Brot nehmen lassen. Mir fehlt die Kraft, einen erneuten „Angriff“ zu fliegen. Mit der Absicherung nach hinten habe ich alle Hände voll zu tun.

Eintausend – drüber

Wenn die Kraft versiegt,
die Sonne nicht mehr wärmt,
der Schmerz das Lächeln einholt,
dann ist der Brocken nicht mehr weit.

Eigentlich hatte ich mir für die Rampe einen ganz speziellen Titel auf meinem MP3-Player zurechtgelegt. Ich wollte mir die letzten, leidvollen Augenblicke so feierlich wie möglich gestalten. Aber ich befürchte, wenn ich das Teil jetzt aus dem Rucksack hervorhole und die Matthäus-Passion, gespielt vom CHICAGO SYMPHONY ORCHESTRA, begeleitet mich auf den letzten Metern, ich würde mich spontan in den Schnee hocken und losheulen. Also lasse ich den Player da wo er ist. Stattdessen laufe ich gerade auf einen Radfahrer (Harry, ebenfalls BC-Teilnehmer) auf. Ich erfahre, dass für mindestens 25 Kilometer der Gesamtstrecke Schieben angesagt war. Meine Güte, wie angenehm habe ich es doch gehabt. Harry hantiert an seinem Fahrrad, hievt sich für die letzten Meter noch einmal heroisch in den Sattel. Das Bike verhält sich wie ein störrischer Esel, ich schiebe ihn kurz an und wir laufen zeitgleich unter dem Zielbanner hindurch – unvergessliche Momente. Ich werde von Frankie Boy Kleinsorg in Empfang genommen und beglückwünscht. Frank konnte aufgrund einer zurückliegenden Knie-OP diesmal nur ein Teilstück der BC mitlaufen. Wenn er fit gewesen wäre, ich hätte wieder einen Lehrmeister in ihm gefunden. Das ist so sicher wie meine Absicht, mir gleich beim Brockenwirt ein Weizenbier in den Kopf zu schießen – zum Wohl.

Wenn ich mich nach hartem Kampf auf den sonnigen Gipfelflächen ausruhe, so sind die Gedanken wieder weit, weit weg, woanders. Die Sehnsucht kennt keine Grenzen, kein bleibendes Ziel. (Hermann Buhl – Achttausend drüber und drunter)

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Ich möchte diesen letzten Teil der Trilogie meiner Frau Bobbi widmen. Sie hat an diesem Wochenende wieder eine Herausforderung gemeistert, die der meinen in nichts nachsteht. Ich habe sie mit den Kindern alleine gelassen, sie hat mich von der Pflicht befreit.
HERZLICHEN DANK DAFÜR

Bobbi, was machen die Blagen?

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