Pre Race
Die Anreise nach Göttingen zusammen mit Bernd, ebenfalls Ultraläufer aus
Hagen, klappte problemlos, auch wenn die Strecke anfangs ein wenig
stauträchtig ist, so kommen wir doch zügig durch und betreten fast
minutengenau den Hörsaal im Sportinstitut, wo das Briefing stattfinden
soll. Hier wartet die Ultragemeinde entspannt auf den Beginn der
Veranstaltung. Markus Ohlef und sein Team führen routiniert durch den
frühen Abend. Im Anschluss verfrachten wir noch unsere Kleiderbeutel auf
einen Hänger, das Gepäck muss schließlich ab 14:00 Uhr tagsdrauf für die
ersten Ankömmlinge auf dem Brockengipfel bereitstehen. Ich kann nur
erahnen, welcher Organisationsaufwand wohl dahinterstecken mag, und will
es ehrlich gesagt auch gar nicht wissen.
Jägerhaus am Kehr, so heißt das neue Ziel. Ich fahre hinter Jochen her,
Gott sei Dank denke ich nur, denn ohne Führung hätte ich mich spätestens
nach der zweiten Kreuzung verfranst. Oben angekommen befinden wir uns
direkt im Startbereich der Brocken-Challenge, Restaurant und Schlafplatz
befinden sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe. Besser kann es nicht
laufen. Im Jägerhaus bestelle ich mir erstmal ein großes gepflegtes
Weizenbier und befülle zweimal den Teller mit einer üppigen Nudelportion,
ein Salatteller zwischendurch kann auch nicht verkehrt sein. Das
Sättigungsgefühl setzt langsam ein und ich sollte jetzt Schluss machen.
Die Nacht im Aufenthaltsraum der Reithalle war erwartungsgemäß nicht so
erholsam. Das lag zum einen an den Zossen, die haben auch zu später Stunde
immer mal wieder mit den Hufen gescharrt, und zum anderen schlafe ich vor
einem Lauf nie richtig gut. Gegen vier Uhr fangen die ersten an, in ihrem
Gepäck zu wühlen und an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ich liege mit
acht People zusammen auf der Stube und bin sofort von dieser
Aufbruchsstimmung infiziert, fange ebenfalls an zu wühlen. Im Nachhinein
war ich froh, so früh geweckt worden zu sein, denn die Zeit ist vor einem
Start ein kostbares Gut, Hektik ist grundsätzlich zu vermeiden.
Ab fünf Uhr wird im Tanzsaal Frühstück gereicht. Ich habe
erstaunlicherweise auch schon wieder Appetit. Ein Produktionsteam vom NDR
wuselt mit einer Kamera durch die Gegend und fängt Stimmungen ein. Der
Kaffee schmeckt super, obwohl ich ihn aus einem dünnen Plastikbecher
schlürfen muss. Ein Blick auf die Uhr, und langsam beginnt es zu kribbeln.
Wo ist Bill? Ich hatte ihm am Vorabend versprochen, dass es sein Gepäck
bei mir im Auto zwischenlagern kann, nun wollte ich mein Versprechen auch
einlösen. Bill hatte ich im letzten Jahr bei der BC kennen gelernt. Die
Welt der Ultras ist halt ein Dorf, hinter jeder Ecke wartet ein Bekannter
auf dich. Gemeinsam mit Bernd und Bill erledige ich die letzten Handgriffe
und wir verstauen unser Gepäck im Auto.
Die Challenge beginnt
Jetzt geht es gleich los und Markus wird mit dem Ausruf, „BROCKEN-CHALLENGE
2009, HERE WE GO!“, die Menge in Bewegung setzen. Für mich und einige
andere müsste er eigentlich, „BROCKEN-CHALLENGE 2009, HERE WE GO AGAIN!“,
von sich geben. Der Startruf erfolgt und das Feld aus knapp 100
Teilnehmern setzt sich in Bewegung, was an diesem Morgen kein leichtes
Unterfangen darstellt. Auf diesem Eis könnte man hervorragend Curling
spielen. Ein Sportplatz wäre für den Spielbetrieb auf jeden Fall gesperrt
gewesen, aber solche Regeln gelten natürlich nicht für einen Ultralauf. So
sehen die ersten Gehversuche noch recht wackelig aus. Eine Gewöhnung an
den glatten Untergrund erfolgt nur langsam. Jetzt verfluche ich die
Tatsache, dass ich aus Gewichtsgründen und der Bequemlichkeit halber die
Stirnlampe nicht dabei habe. So bin ich auf die spärlichen Lichtkegel
meiner Mitläufer angewiesen, was einem nicht gerade übermäßige
Flexibilität verleiht. Ich konzentriere mich ganz auf einen harmonischen
Bewegungsablauf ohne unkoordinierte Belastungswechsel. Die träge Masse
muss in der Spur gehalten werden. Ich überstehe die kritischen ersten 16
Kilometer, ohne dass mir der Boden unter den Füßen wegrutscht. An den
Verpflegungspunkten ist das oberste Gebot, die Trinkflasche wieder
auffüllen zu lassen. Im Vorfeld habe ich mit dem Gedanken gespielt, den
Trinkrucksack mitzunehmen, diesen Gedanken aber letztendlich wieder
verworfen, da solch ein Trinksystem mit Schlauch und Ventil leicht
einfrieren kann. Was nützt die Flüssigkeit plätschernderweise auf dem
Rücken, wenn vorne nichts rauskommt? Ich habe mich aber aufklären lassen,
dass man die gefrorene Flüssigkeit, die sich im Schlauch befindet, durch
Reinpusten wieder mühelos in die Trinkblase zurück befördern kann - dies
als Gratis-Tipp am Rande. Ich übernehme allerdings keine Haftung, falls
der Versuch misslingen sollte. Ich bin über die gesamte Distanz mit dem
Volumen meiner Flasche von 0,5 Liter prima ausgekommen. Voraussetzung ist
allerdings, dass man die Falsche auf den Teilstrecken konsequent leert.
Zwei Verpflegungspunkte liegen bereits hinter mir und der dritte (Rhumequelle
bei Kilometer 30) unmittelbar vor mir. Auf diesem Teilstück, zwischen
Seeburg und Rhumequelle laufe ich mit der höchsten
Durchschnittsgeschwindigkeit des gesamten Rennens. Als ich durch die
Ortschaft laufe, streckt ein noch scheinbar schlaftrunkener älterer
Bewohner den Kopf aus der Tür. Als er mich sieht, reibt er sich die Augen
und schüttelt ungläubig den Kopf. Ich grüße ihn mit einem freundlichen
„Guten Morgen“, die Tür fällt ins Schloss und die Gasse ist wieder
menschenleer, bis in einem gewissen Abstand der nachfolgende Läufer diese
Stelle passieren wird.
Ich laufe jetzt größtenteils alleine. Barbis, der vierte Verpflegungspunkt
ist bald erreicht. Von hinten nähert sich ein Läufer, der mich kurze Zeit
später überholen wird. Aber was ist das, er muss eine Streckenmarkierung
übersehen haben. Hätte er doch nach rechts abbiegen müssen. Ich rufe ihm
hinterher und mache ihn auf den vermeintlichen Fehler aufmerksam. Wir
wechseln ein paar Worte. „Jetzt ist es gleich mit dem Vorgeplenkel vorbei
und es geht endlich zur Sache“, meint er im Vorbeilaufen zu mir. Ich merke
sehr schnell, dass ich das Tempo nicht halten kann, oder besser nicht
halten sollte und lasse mich vernunftgesteuert nicht von ihm mitreißen.
Der forsche Läufer sollte die BC als zweiter beenden, da darf man
natürlich auch solche Sprüche klopfen. Wie sich im Nachhinein
herausstellen sollte, handelt es sich bei dem Teilnehmer um den
Veranstalter des STUNT 100 - das erklärt einiges.
Unmittelbar nach dem vierten Verpflegungspunkt, da wartet sie bereits auf
ihre Opfer. Ahnungslose Läufer werden von ihr hinterhältig angelockt, es
gibt kein entrinnen. Erst am anderen Ende, gut 20 Kilometer weit entfernt
von dieser Stelle, wird sie die ausgezehrten Gestalten wieder freigeben.
Es handelt sich hier um die Schlüsselstelle der Challenge, gemeint ist die
gefürchtete SAFTPRESSE. Der Name ist Programm und darf ausdrücklich
wörtlich genommen werden. Hier wird einem der Saft aus dem Körper gezogen,
und mit dem Saft schwindet auch die Motivation. Das einzige Trostpflaster,
am Ende dieser Durststrecke wartet der opulenteste Verpflegungspunkt der
gesamten Strecke auf die Läufer. Meine Strategie ist, gut hydriert in die
SAFTPRESSE einsteigen und keine unnötige Energie verschwenden. Ich möchte
unter allen Umständen vermeiden, mich zu verlaufen. Nach solch einem
Missgeschick würde es für mich richtig schwer werden. Lieber auf einen
nachfolgenden Läufer oder Radfahrer warten und gemeinsam beratschlagen wo
es lang geht, als voreilig eine Entscheidung zu treffen, so habe ich es
auf der gesamten zurückliegenden Strecke gehandhabt. Das hat sich bewährt.
Ein Teilerfolg ist das Erreichen des Jagdkopfes, der vorerst höchste Punkt
mit 700 Meter ü. NN. Ich treffe auf die Damen, die dort oben den
Mini-Verpflegungspunkt betreiben sollen, ca. 1,5 km vor dem Jagdkopf. Zwei
normale Rodelschlitten, auf denen sich Kanister mit Wasser und
Thermoskannen mit heißem Tee befinden, werden jeweils von einem
Damenzweiergespann gezogen. Ich werde quasi vom fahrenden Schlitten aus
versorgt. Na ja, zu beneiden sind die Damen auch nicht gerade, denke ich
mir. In geselliger Männer-Finisher-Runde werde ich später behaupten, ich
hätte den Damen mal eben die Schlitten zum Jagdkopf hochgezogen, was
natürlich mit Gelächter quittiert wird - damit hat der Spruch seinen Zweck
erfüllt. Ich genieße die Teatime und mache mich wieder entschlossen an die
Arbeit. „Gleich ist das Schlimmste geschafft und dann geht es ein ganzes
Stück auf ebener Strecke weiter“, ruft man mir noch nach.
Am Jagdkopf angekommen spüre ich Erleichterung in mir aufsteigen. Ich
halte mich links und folge der Beschilderung „BC“. Ich befinde mich nun
auf der Südharzloipe und versuche mich mit den neuen Bedingungen
anzufreunden. Tatsächlich, die Piste ist eben, oder sogar leicht
abschüssig. Man hat einen wunderbaren Ausblick von hier oben. Ich genieße
noch kurz die Aussicht, kann allerdings nicht ahnen, dass nun ein richtig
brutales Stück Wegstecke auf mich zukommen sollte. Der ENTSAFTER arbeitet
nun auf höchster Stufe. Das Problem an diesem Tag ist die Temperatur,
nicht das es zu kalt ist, eher das Gegenteil ist der Fall. Der Schnee
zwischen den Loipenspuren ist leicht angetaut, so dass man bei jedem
Schritt einbricht. Ich versuche mit verschiedenen Techniken den
Kräfteverschleiß so gering wie möglich zu halten. Aber egal ob Walken oder
Laufen, es ist ein frustrierendes Unterfangen. Ich laufe auf einen
Radfahrer auf, der sich allerdings außer Stande sieht, mit dem Rad zu
fahren. „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“, pflegte mein Vater immer zu
sagen. Also nein, die Radfahrer beneide ich heute wirklich nicht.
Parkplatz Lausebuche heißt das Zauberwort, welches mich bei Laune hält.
Hinter jeder Biegung oder leichten Kuppe hoffe ich, den Verpflegungspunkt
endlich zu erspähen. Nach unzähligen Enttäuschungen werde ich doch noch
belohnt.
Der Tisch ist reichlich gedeckt und ich lasse mich von dem üppigen Angebot
an Speisen und Getränken sehr beeindrucken, so dass ich mehr Zeit am
Parkplatz Lausebuche verbringe, als mir lieb ist. Noch schnell einen der
weltgrößten Lebkuchen-Dominosteine aus der hohlen Hand genascht und weiter
geht es. Auf der anderen Seite der Bundesstraße angekommen, muss ich
feststellen, dass ich ein wenig orientierungslos bin. Ab hier gibt es
keine Beschilderung der Laufstrecke durch BC-Markierungen mehr, soll
heißen, Orientierung nach Karte und offiziellen Wanderwegen ist angesagt.
Wertvolle Minuten verstreichen, bis ich die Karte eingenordet habe und den
eigenen Standort gefunden habe. Königskrug und im weiteren Verlauf
Oderbrück sind die neuen Richtungsangaben, zu finden auf der offiziellen
Beschilderung. Mit einem leichten Gefühl der Unsicherheit trabe ich los.
Nach zwei bis drei Kilometern habe ich an Sicherheit gewonnen und
konzentriere mich wieder auf den Laufrhythmus. Ich komme gut voran und
kann sogar noch einen weiteren Mitläufer hinter mir lassen.
Der Brocken rückt unaufhaltsam näher, der letzte Verpflegungspunkt in
Oderbrück liegt hinter mir. Keine acht Kilometer mehr bis ins Ziel. Der
Aufstieg gestaltet sich phasenweise aufgrund der Steigung und des glatten
Untergrundes recht schwierig. Jetzt bloß nicht seitlich abrutschen, also
immer schön den „Talski“ belasten. Einige Teilnehmer werden diesen
Streckenabschnitt mit „Schneeketten für Läufer“ absolvieren, aber solch
ein Schnickschnack habe ich nicht im Gepäck, die Anschaffung würde sich
bei einem Einsatz im Jahr nicht lohnen. Der letzte Kilometer wird durch
ein Hinweisschild angekündigt und ich kann gerade mal zwanzig Meter weit
gucken. Ein Gemisch aus Schnee und Nebel nimmt mir die Sicht. Die letzten
Meter auf der Brockenstraße kommen mir endlos vor. Nun endlich, es ist
geschafft, ich befinde mich auf dem Brockengipfel.
Heinrich Heine soll nach der Besteigung des Brockengipfels gesagt haben,
„Müde Beine, viele Steine, Aussicht keine“.
Mir hingegen rutsch folgender Satz raus, als ich vom Empfangskomitee
beglückwünscht werde:
„Das war der scheiß längste letzte Kilometer, den ich je in meinem Leben
gelaufen bin.“
Oben im Saal ist es noch sehr überschaubar. Ich werde von Frank
Kleinsorg in Empfang genommen, er ist weit über eine Stunde vor mir
angekommen, eine für mich unerreichbare Finisherzeit unter diesen
Voraussetzungen. Alle paar Minuten wächst die Gruppe der Finisher nun an.
Die Neuankömmlinge werden mit Beifall empfangen, der im Laufe des
Nachmittags immer frenetischer wird. Jeder fühlt sich als Sieger, mit
Recht darf er das.
„Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sie
überwindet.“
Johann Wolfgang von Goethe
Meine Zielsetzung bei diesem Lauf war es, eine warme Dusche zu
ergattern. Bei der letzten Challenge in 2008 musste man schon vorne mit
dabei sein, um diesen Luxus genießen zu dürfen. Aus dem Grund war ich so
in Eile. Ich verabscheue kaltes Wasser und wollte mir diese Qual ersparen
- es ist gelungen. Wenn ich richtig informiert bin, gab es diesmal warmes
Wasser zu Genüge. Man darf sich also auch mehr Zeit lassen.
Die Bedingungen waren schwierig, was nicht bedeutet, dass sie nicht noch
schwieriger hätten sein können. Ich vermute, der Brocken hat da noch
einiges an Potential. Vielleicht im nächsten Jahr den Hat-trick, das wäre
schön. Es tut mir Leid für alle, die nicht dabei sein konnten, aber gerne
gewollt hätten. Im nächsten Jahr sehen wir uns bestimmt, dann schreibe ich
den letzten Teil der Brocken-Trilogie, wenn mir dies vergönnt sein wird.
Das war der WARMDUSCHER von Pete(r) Haarmann.