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Story: © Pete(r) Haarmann

   

Veröffentlicht: 12.02.2009

     

Titel:

 Der Warmduscher - Brocken-Challenge (BC) 2009

Autor:

 Pete(r) Haarmann

Datum:

 12.02.2009
     

Der Warmduscher
Laufbericht eines bekennenden Warmduschers zur Brocken-Challenge 2009 von Pete® Haarmann

Warnhinweis
Dieser Bericht darf zwecks Vorbereitung, oder nur rein aus Interesse, gerne studiert werden. Für Nebenwirkungen, die im Anschluss auftreten können, übernehme ich keine Haftung. Jeder liest diesen Bericht in eigener Verantwortung!

Die Brocken-Challenge, das ist ein Erlebnis- und Wohltätigkeitslauf von Göttingen zum Brockengipfel über eine Distanz von mindestens 80 Kilometern, bei gleichzeitig zu bewältigenden fast 2000 Höhenmetern. Je nach Wetterlage ist hier mit reichlich Schnee und Eis auf der „Piste“ zu rechnen. Insgesamt sieben Verpflegungspunkte entlang der Strecke - plus Verpflegung im Ziel beim Brockenwirt gegen Bezahlung - stellen die Versorgung der Teilnehmer sicher. Das Zeitlimit liegt bei 14 Stunden, wobei bisher alle Aspiranten innerhalb dieser Zeit finishen konnten, wenn sie nicht bereits vorher an einem der Verpflegungspunkte ausgestiegen sind.

Brocken-Challenge vs. Stadtmarathon
Ein handelsüblich konfektionierter Stadtmarathon kann eine Herausforderung sein, muss aber nicht. Die Brocken-Challenge ist eine Herausforderung, ohne Wenn und Aber. Ganz egal, ob man sie bereits absolviert hat, oder ob die erste Teilnahme bevorsteht. Abgesehen von der Distanz, dem Höhenprofil und den klimatischen Bedingungen, scheint mir folgender Aspekt noch erwähnenswert. Es gibt deutlich weniger Verpflegungsstellen als bei einem Stadtmarathon, diesen Umstand sollte man nicht gänzlich ignorieren, sonst wird man rigoros bestraft.
Hier wird nicht alle fünf Kilometer das Standardprogramm (Wasser und Banane) geboten, dem die Kommerzialisierung meist deutlich ihren Stempel aufgedrückt hat. Weniger aber mehr, so kann man die Situation kurz und knapp beschreiben. Die Verpflegung ist erste Sahne und scheidet als Begründung für das eigene Scheitern schon mal aus. Also sucht nach anderen Ursachen, wenn dies passieren sollte.

Informationen zum Brocken
Der Brocken ist mit seinen 1142 Metern der höchste Berg Norddeutschlands und liegt in Sachsen-Anhalt mitten im Nationalpark Harz. Zwei Millionen Besucher zieht es jährlich auf den Gipfel, und das obwohl die Wetterbedingungen nicht gerade einladend sind. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 2,9 Grad Celsius, in der kältesten Nacht kann es dann bis auf minus 29 Grad Celsius runtergehen. An 306 Tagen ist der Gipfel in Nebel gehüllt, die Hälfte des Jahres liegt Schnee dort oben. Davon hat sich ein 76 jähriger Rentner offensichtlich nicht abhalten lassen, den Gipfel über 5500 Mal zu besteigen. Mir würde ein zweites Mal zunächst reichen.

Rückblick
Den Termin für die Brocken-Challenge 2009 habe ich mir direkt im Anschluss an die Brocken-Challenge 2008 notiert und in meinen Laufkalender überführt. Nach dem Debakel in 2008 (nachzulesen in meinem Laufbericht „Der Kotzbrocken“) war die Fragestellung nach einer Wiederholung dieses Ultralaufs, mit Start in Göttingen am Hainholzhof, nur rhetorischer Natur.

“When you're racing, it's life. Anything that happens before or after is just waiting."
Steve McQueen, Le Mans

Der Start am frühen Samstagmorgen des 9. Februars 2008 stand nämlich unter keinem guten Stern. Ich erinnere mich noch an den folgenden kurzen Dialog mit Frank Kleinsorg, seines Zeichens Streckenrekordhalter der Brocken-Challenge in 7:30 Stunden und Mitglied des Orga-Teams. Mit einem aschfaalen und kaltschweißigen Gesicht wandte ich mich ihm zu und sagte: „Das wird heute verdammt noch mal nicht einfach für mich!“ Woraufhin er spontan und schmerzlos entgegnete: „Deshalb machen wir das ja schließlich auch nicht.“ Ich habe selten „aufmunterndere“ Worte vor dem Start zu einem Ultralauf zu hören bekommen. Es ist mir ein Rätsel, woher ich die Kraft genommen habe, diese Challenge doch noch zu meistern. Ich bin mir sicher, gerade wegen der suboptimalen Bedingungen, unter denen ich diesen Lauf doch noch finishen konnte, war es läuferisch gesehen eines der größten Erfolgserlebnisse für mich im Jahr 2008. Man wächst nun mal mit den Aufgaben, und manchmal sind die Aufgaben schwieriger, als man dies vermuten mag.

Hype um die Challenge
Ich war froh, mich zeitig für die Brocken-Challenge 2009 angemeldet zu haben, denn diese Veranstaltung hat trotz Aufstockung des Teilnehmerfeldes einen so regen Zulauf erfahren, dass noch eine zusätzliche Warteliste gepflegt werden muss. Das Teilnehmer-Limit liegt in diesem Jahr bei 125 Startern. Bei dieser Zahl muss man dem Team rund um Markus Ohlef unaufgefordert seinen Respekt zollen. Solch eine Veranstaltung fordert doch einiges an Organisationsaufwand und logistischer Kunstgriffe. Man muss dazu wissen, dass Befahren der einzigen Straße, die zum Gipfel führt, ist mit privaten PKWs untersagt. Die Finisher werden nach dem Lauf häppchenweise vom Gipfel geholt (mit Genehmigung versteht sich) und nach Schierke befördert, per Bustransfer geht es dann für einen Großteil nach dem gemeinsamen Abendessen wieder zurück nach Göttingen zum Ausgangspunkt der Unternehmung. Damit endet das Pauschalangebot von Markus & Co und die Rückfahrt muss ab hier wieder selber organisiert werden.

Vorbereitungsphase
Für Dezember und Januar hatte ich mir einiges an Trainingskilometern vorgenommen. Endlich mal wieder ein paar Einheiten runterspulen zu können, ohne ein knallhartes Zeitmanagement durchzuziehen, darauf hatte ich mich gefreut. Mit ein paar geschickt gewählten Urlaubstagen konnte man die Lücken zwischen den Feiertagen prima ausfüllen. Und nach einer entbehrungsreichen Laufeinheit, speist es sich bekannterweise umso besser. Die Durchführung dieser geplanten, durchgestylten Vorbereitungsphase wurde allerdings durch eine Lungenentzündung vereitelt. Nach mageren Trainingsumfängen Anfang Dezember war ich dann Mitte des Monats bei Null angekommen. An diesem Zustand sollte sich bis in den Januar hinein nichts ändern. Mein Immunsystem war komplett zusammengebrochen und ich bekam sogar Probleme mit meinen Füßen. Die Haut wurde rissig und so langsam machte ich mir Sorgen, ob der Brockenlauf nicht bereits in unerreichbare Ferne entrückt war. Am 10 Januar habe ich dann das erste Mal im Neuen Jahr die Laufschuhe geschnürt. Diese verlorene Zeit muss man sofort unter „unwiederbringliche Verluste“ verbuchen können, Haken dran und weiter im Text. Schlussendlich habe ich mal wieder erfahren dürfen, wie wertvoll doch die Gesundheit ist - die Gesundheit ist unser wertvollstes Gut! Der Zustand des GESUNDSEINS definiert sich sozusagen über die Krankheit und sollte nicht zum Selbstverständnis heraufgestuft werden. Nur wer die Kehrseite einer Medaille kennengelernt hat, der wird auch der anderen Seite die nötige Wertschätzung entgegenbringen. Ohne Hektik und das Gefühl, den Trainingsrückstand in kürzester Zeit wieder aufholen zu müssen, habe ich wieder mit regelmäßigen Trainingseinheiten begonnen. Die Grundlagenausdauer ist doch eine beständige Begleiterin, die einen nicht so schnell im Stich lässt.

Ein paar Sätze zur Ausrüstung und Bekleidung
Spätestens seit dem Zugspitzlauf in 2008, bei dem zwei Läufer ihren Leichtsinn mit dem Leben bezahlen mussten, sollte sich eigentlich jeder Teilnehmer vor dem Start mit diesem Thema eingehend beschäftigen. Zur Erinnerung: Beim Zugspitzlauf ist eine Distanz von 16 Kilometern bei einer Höhendifferenz von 2000 Metern zu bewältigen. Bei der Brocken-Challenge haben wir es bekanntlich mit der fünffachen Entfernung zu tun. Nichts desto Trotz, versuchen einige wenige Teilnehmer immer wieder durch die Wahl unangemessener Kleidung den Machofaktor zu steigern. Für derlei Mutproben habe ich persönlich kein Verständnis, zumal durch einen Zwischenfall die BC ganz schnelle der Vergangenheit angehören könnte. Ich denke, hier sind wir dem Veranstalter und allen anderen Teilnehmern gegenüber in der Pflicht.
Natürlich ist es auch mein Bestreben, die Ausrüstung- und Bekleidungsgegenstände möglichst zu reduzieren, um nicht unnötigen Ballast mitschleppen zu müssen. Ich habe meine Checkliste mit ein paar Bemerkungen hier eingefügt.

Top2Bottom Checkliste

Ausrüstung / Bekleidung

Hersteller

Anmerkung

 

 

 

Sturmhaube

Mammut

nur für den Notfall, nicht gebraucht

Stoffschlauch

H.A.D.

von Beginn an getragen

Cappy

Columbia

von Beginn an getragen und für Brillenträger bei Schnee und Regen unverzichtbar

Mütze

odlo

nur für den Notfall, nicht gebraucht

Stirnlampe

Petzl

hätte ich besser mitgenommen

 

 

 

Langarm Kompressions-Shirt

Adidas

Schicht 1, direkt auf der Haut, das Teil ist wirklich klasse

Kurzarm Funktions-Shirt

Falke

Schicht 2, eng anliegend

Longsleeve Funktions-Shirt

 

Schicht 3, locker geschnitten, ruhig etwas weiter

Unterhose

TCM

Tchibo-mit-Eingriff-was-weiß-ich?

Socke

Falke

RU3

 

 

 

Windstopper Jacke

Mammut

mit Pulswärmer, etwas länger geschnittener Ärmel mit Loch für den Daumen

Windproof Winter-Tight

Runners Point

direkt auf der Haut getragen, hätte noch ein paar Grad kälter sein können

Handschuhe

odlo

von Beginn an getragen

Leichter Trailschuh

Salomon

die richtige Entscheidung, trockenen Fußes bis ins Ziel

 

 

 

Trinkgurt

TAO

mit 0,5 Liter Flasche, völlig ausreichend, weil regelmäßig an den VPs aufgefüllt

Startnummernband

 

sehr praktisch, wenn man kurzfristig Bekleidung wechseln muss

Handy

 

darauf achten, dass man mit vollen Akkus startet

Uhr

Casio

damit das Zeitgefühl nicht aus dem Ruder läuft

Karte

 

wird vom Veranstalter gestellt, nachher bitte wieder abgeben

Feuchttücher

 

für alle Fälle

Traubenzucker

 

Placebo für den Entsafter, es wirkt!

Power Gel

 

dito


Pre Race
Die Anreise nach Göttingen zusammen mit Bernd, ebenfalls Ultraläufer aus Hagen, klappte problemlos, auch wenn die Strecke anfangs ein wenig stauträchtig ist, so kommen wir doch zügig durch und betreten fast minutengenau den Hörsaal im Sportinstitut, wo das Briefing stattfinden soll. Hier wartet die Ultragemeinde entspannt auf den Beginn der Veranstaltung. Markus Ohlef und sein Team führen routiniert durch den frühen Abend. Im Anschluss verfrachten wir noch unsere Kleiderbeutel auf einen Hänger, das Gepäck muss schließlich ab 14:00 Uhr tagsdrauf für die ersten Ankömmlinge auf dem Brockengipfel bereitstehen. Ich kann nur erahnen, welcher Organisationsaufwand wohl dahinterstecken mag, und will es ehrlich gesagt auch gar nicht wissen.

Jägerhaus am Kehr, so heißt das neue Ziel. Ich fahre hinter Jochen her, Gott sei Dank denke ich nur, denn ohne Führung hätte ich mich spätestens nach der zweiten Kreuzung verfranst. Oben angekommen befinden wir uns direkt im Startbereich der Brocken-Challenge, Restaurant und Schlafplatz befinden sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe. Besser kann es nicht laufen. Im Jägerhaus bestelle ich mir erstmal ein großes gepflegtes Weizenbier und befülle zweimal den Teller mit einer üppigen Nudelportion, ein Salatteller zwischendurch kann auch nicht verkehrt sein. Das Sättigungsgefühl setzt langsam ein und ich sollte jetzt Schluss machen.

Die Nacht im Aufenthaltsraum der Reithalle war erwartungsgemäß nicht so erholsam. Das lag zum einen an den Zossen, die haben auch zu später Stunde immer mal wieder mit den Hufen gescharrt, und zum anderen schlafe ich vor einem Lauf nie richtig gut. Gegen vier Uhr fangen die ersten an, in ihrem Gepäck zu wühlen und an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ich liege mit acht People zusammen auf der Stube und bin sofort von dieser Aufbruchsstimmung infiziert, fange ebenfalls an zu wühlen. Im Nachhinein war ich froh, so früh geweckt worden zu sein, denn die Zeit ist vor einem Start ein kostbares Gut, Hektik ist grundsätzlich zu vermeiden.

Ab fünf Uhr wird im Tanzsaal Frühstück gereicht. Ich habe erstaunlicherweise auch schon wieder Appetit. Ein Produktionsteam vom NDR wuselt mit einer Kamera durch die Gegend und fängt Stimmungen ein. Der Kaffee schmeckt super, obwohl ich ihn aus einem dünnen Plastikbecher schlürfen muss. Ein Blick auf die Uhr, und langsam beginnt es zu kribbeln. Wo ist Bill? Ich hatte ihm am Vorabend versprochen, dass es sein Gepäck bei mir im Auto zwischenlagern kann, nun wollte ich mein Versprechen auch einlösen. Bill hatte ich im letzten Jahr bei der BC kennen gelernt. Die Welt der Ultras ist halt ein Dorf, hinter jeder Ecke wartet ein Bekannter auf dich. Gemeinsam mit Bernd und Bill erledige ich die letzten Handgriffe und wir verstauen unser Gepäck im Auto.

Die Challenge beginnt
Jetzt geht es gleich los und Markus wird mit dem Ausruf, „BROCKEN-CHALLENGE 2009, HERE WE GO!“, die Menge in Bewegung setzen. Für mich und einige andere müsste er eigentlich, „BROCKEN-CHALLENGE 2009, HERE WE GO AGAIN!“, von sich geben. Der Startruf erfolgt und das Feld aus knapp 100 Teilnehmern setzt sich in Bewegung, was an diesem Morgen kein leichtes Unterfangen darstellt. Auf diesem Eis könnte man hervorragend Curling spielen. Ein Sportplatz wäre für den Spielbetrieb auf jeden Fall gesperrt gewesen, aber solche Regeln gelten natürlich nicht für einen Ultralauf. So sehen die ersten Gehversuche noch recht wackelig aus. Eine Gewöhnung an den glatten Untergrund erfolgt nur langsam. Jetzt verfluche ich die Tatsache, dass ich aus Gewichtsgründen und der Bequemlichkeit halber die Stirnlampe nicht dabei habe. So bin ich auf die spärlichen Lichtkegel meiner Mitläufer angewiesen, was einem nicht gerade übermäßige Flexibilität verleiht. Ich konzentriere mich ganz auf einen harmonischen Bewegungsablauf ohne unkoordinierte Belastungswechsel. Die träge Masse muss in der Spur gehalten werden. Ich überstehe die kritischen ersten 16 Kilometer, ohne dass mir der Boden unter den Füßen wegrutscht. An den Verpflegungspunkten ist das oberste Gebot, die Trinkflasche wieder auffüllen zu lassen. Im Vorfeld habe ich mit dem Gedanken gespielt, den Trinkrucksack mitzunehmen, diesen Gedanken aber letztendlich wieder verworfen, da solch ein Trinksystem mit Schlauch und Ventil leicht einfrieren kann. Was nützt die Flüssigkeit plätschernderweise auf dem Rücken, wenn vorne nichts rauskommt? Ich habe mich aber aufklären lassen, dass man die gefrorene Flüssigkeit, die sich im Schlauch befindet, durch Reinpusten wieder mühelos in die Trinkblase zurück befördern kann - dies als Gratis-Tipp am Rande. Ich übernehme allerdings keine Haftung, falls der Versuch misslingen sollte. Ich bin über die gesamte Distanz mit dem Volumen meiner Flasche von 0,5 Liter prima ausgekommen. Voraussetzung ist allerdings, dass man die Falsche auf den Teilstrecken konsequent leert.

Zwei Verpflegungspunkte liegen bereits hinter mir und der dritte (Rhumequelle bei Kilometer 30) unmittelbar vor mir. Auf diesem Teilstück, zwischen Seeburg und Rhumequelle laufe ich mit der höchsten Durchschnittsgeschwindigkeit des gesamten Rennens. Als ich durch die Ortschaft laufe, streckt ein noch scheinbar schlaftrunkener älterer Bewohner den Kopf aus der Tür. Als er mich sieht, reibt er sich die Augen und schüttelt ungläubig den Kopf. Ich grüße ihn mit einem freundlichen „Guten Morgen“, die Tür fällt ins Schloss und die Gasse ist wieder menschenleer, bis in einem gewissen Abstand der nachfolgende Läufer diese Stelle passieren wird.

Ich laufe jetzt größtenteils alleine. Barbis, der vierte Verpflegungspunkt ist bald erreicht. Von hinten nähert sich ein Läufer, der mich kurze Zeit später überholen wird. Aber was ist das, er muss eine Streckenmarkierung übersehen haben. Hätte er doch nach rechts abbiegen müssen. Ich rufe ihm hinterher und mache ihn auf den vermeintlichen Fehler aufmerksam. Wir wechseln ein paar Worte. „Jetzt ist es gleich mit dem Vorgeplenkel vorbei und es geht endlich zur Sache“, meint er im Vorbeilaufen zu mir. Ich merke sehr schnell, dass ich das Tempo nicht halten kann, oder besser nicht halten sollte und lasse mich vernunftgesteuert nicht von ihm mitreißen. Der forsche Läufer sollte die BC als zweiter beenden, da darf man natürlich auch solche Sprüche klopfen. Wie sich im Nachhinein herausstellen sollte, handelt es sich bei dem Teilnehmer um den Veranstalter des STUNT 100 - das erklärt einiges.

Unmittelbar nach dem vierten Verpflegungspunkt, da wartet sie bereits auf ihre Opfer. Ahnungslose Läufer werden von ihr hinterhältig angelockt, es gibt kein entrinnen. Erst am anderen Ende, gut 20 Kilometer weit entfernt von dieser Stelle, wird sie die ausgezehrten Gestalten wieder freigeben. Es handelt sich hier um die Schlüsselstelle der Challenge, gemeint ist die gefürchtete SAFTPRESSE. Der Name ist Programm und darf ausdrücklich wörtlich genommen werden. Hier wird einem der Saft aus dem Körper gezogen, und mit dem Saft schwindet auch die Motivation. Das einzige Trostpflaster, am Ende dieser Durststrecke wartet der opulenteste Verpflegungspunkt der gesamten Strecke auf die Läufer. Meine Strategie ist, gut hydriert in die SAFTPRESSE einsteigen und keine unnötige Energie verschwenden. Ich möchte unter allen Umständen vermeiden, mich zu verlaufen. Nach solch einem Missgeschick würde es für mich richtig schwer werden. Lieber auf einen nachfolgenden Läufer oder Radfahrer warten und gemeinsam beratschlagen wo es lang geht, als voreilig eine Entscheidung zu treffen, so habe ich es auf der gesamten zurückliegenden Strecke gehandhabt. Das hat sich bewährt.

Ein Teilerfolg ist das Erreichen des Jagdkopfes, der vorerst höchste Punkt mit 700 Meter ü. NN. Ich treffe auf die Damen, die dort oben den Mini-Verpflegungspunkt betreiben sollen, ca. 1,5 km vor dem Jagdkopf. Zwei normale Rodelschlitten, auf denen sich Kanister mit Wasser und Thermoskannen mit heißem Tee befinden, werden jeweils von einem Damenzweiergespann gezogen. Ich werde quasi vom fahrenden Schlitten aus versorgt. Na ja, zu beneiden sind die Damen auch nicht gerade, denke ich mir. In geselliger Männer-Finisher-Runde werde ich später behaupten, ich hätte den Damen mal eben die Schlitten zum Jagdkopf hochgezogen, was natürlich mit Gelächter quittiert wird - damit hat der Spruch seinen Zweck erfüllt. Ich genieße die Teatime und mache mich wieder entschlossen an die Arbeit. „Gleich ist das Schlimmste geschafft und dann geht es ein ganzes Stück auf ebener Strecke weiter“, ruft man mir noch nach.

Am Jagdkopf angekommen spüre ich Erleichterung in mir aufsteigen. Ich halte mich links und folge der Beschilderung „BC“. Ich befinde mich nun auf der Südharzloipe und versuche mich mit den neuen Bedingungen anzufreunden. Tatsächlich, die Piste ist eben, oder sogar leicht abschüssig. Man hat einen wunderbaren Ausblick von hier oben. Ich genieße noch kurz die Aussicht, kann allerdings nicht ahnen, dass nun ein richtig brutales Stück Wegstecke auf mich zukommen sollte. Der ENTSAFTER arbeitet nun auf höchster Stufe. Das Problem an diesem Tag ist die Temperatur, nicht das es zu kalt ist, eher das Gegenteil ist der Fall. Der Schnee zwischen den Loipenspuren ist leicht angetaut, so dass man bei jedem Schritt einbricht. Ich versuche mit verschiedenen Techniken den Kräfteverschleiß so gering wie möglich zu halten. Aber egal ob Walken oder Laufen, es ist ein frustrierendes Unterfangen. Ich laufe auf einen Radfahrer auf, der sich allerdings außer Stande sieht, mit dem Rad zu fahren. „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“, pflegte mein Vater immer zu sagen. Also nein, die Radfahrer beneide ich heute wirklich nicht. Parkplatz Lausebuche heißt das Zauberwort, welches mich bei Laune hält. Hinter jeder Biegung oder leichten Kuppe hoffe ich, den Verpflegungspunkt endlich zu erspähen. Nach unzähligen Enttäuschungen werde ich doch noch belohnt.

Der Tisch ist reichlich gedeckt und ich lasse mich von dem üppigen Angebot an Speisen und Getränken sehr beeindrucken, so dass ich mehr Zeit am Parkplatz Lausebuche verbringe, als mir lieb ist. Noch schnell einen der weltgrößten Lebkuchen-Dominosteine aus der hohlen Hand genascht und weiter geht es. Auf der anderen Seite der Bundesstraße angekommen, muss ich feststellen, dass ich ein wenig orientierungslos bin. Ab hier gibt es keine Beschilderung der Laufstrecke durch BC-Markierungen mehr, soll heißen, Orientierung nach Karte und offiziellen Wanderwegen ist angesagt. Wertvolle Minuten verstreichen, bis ich die Karte eingenordet habe und den eigenen Standort gefunden habe. Königskrug und im weiteren Verlauf Oderbrück sind die neuen Richtungsangaben, zu finden auf der offiziellen Beschilderung. Mit einem leichten Gefühl der Unsicherheit trabe ich los. Nach zwei bis drei Kilometern habe ich an Sicherheit gewonnen und konzentriere mich wieder auf den Laufrhythmus. Ich komme gut voran und kann sogar noch einen weiteren Mitläufer hinter mir lassen.

Der Brocken rückt unaufhaltsam näher, der letzte Verpflegungspunkt in Oderbrück liegt hinter mir. Keine acht Kilometer mehr bis ins Ziel. Der Aufstieg gestaltet sich phasenweise aufgrund der Steigung und des glatten Untergrundes recht schwierig. Jetzt bloß nicht seitlich abrutschen, also immer schön den „Talski“ belasten. Einige Teilnehmer werden diesen Streckenabschnitt mit „Schneeketten für Läufer“ absolvieren, aber solch ein Schnickschnack habe ich nicht im Gepäck, die Anschaffung würde sich bei einem Einsatz im Jahr nicht lohnen. Der letzte Kilometer wird durch ein Hinweisschild angekündigt und ich kann gerade mal zwanzig Meter weit gucken. Ein Gemisch aus Schnee und Nebel nimmt mir die Sicht. Die letzten Meter auf der Brockenstraße kommen mir endlos vor. Nun endlich, es ist geschafft, ich befinde mich auf dem Brockengipfel.

Heinrich Heine soll nach der Besteigung des Brockengipfels gesagt haben,
„Müde Beine, viele Steine, Aussicht keine“.

Mir hingegen rutsch folgender Satz raus, als ich vom Empfangskomitee beglückwünscht werde:

„Das war der scheiß längste letzte Kilometer, den ich je in meinem Leben gelaufen bin.“

Oben im Saal ist es noch sehr überschaubar. Ich werde von Frank Kleinsorg in Empfang genommen, er ist weit über eine Stunde vor mir angekommen, eine für mich unerreichbare Finisherzeit unter diesen Voraussetzungen. Alle paar Minuten wächst die Gruppe der Finisher nun an. Die Neuankömmlinge werden mit Beifall empfangen, der im Laufe des Nachmittags immer frenetischer wird. Jeder fühlt sich als Sieger, mit Recht darf er das.

„Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sie überwindet.“
Johann Wolfgang von Goethe

Meine Zielsetzung bei diesem Lauf war es, eine warme Dusche zu ergattern. Bei der letzten Challenge in 2008 musste man schon vorne mit dabei sein, um diesen Luxus genießen zu dürfen. Aus dem Grund war ich so in Eile. Ich verabscheue kaltes Wasser und wollte mir diese Qual ersparen - es ist gelungen. Wenn ich richtig informiert bin, gab es diesmal warmes Wasser zu Genüge. Man darf sich also auch mehr Zeit lassen.

Die Bedingungen waren schwierig, was nicht bedeutet, dass sie nicht noch schwieriger hätten sein können. Ich vermute, der Brocken hat da noch einiges an Potential. Vielleicht im nächsten Jahr den Hat-trick, das wäre schön. Es tut mir Leid für alle, die nicht dabei sein konnten, aber gerne gewollt hätten. Im nächsten Jahr sehen wir uns bestimmt, dann schreibe ich den letzten Teil der Brocken-Trilogie, wenn mir dies vergönnt sein wird.

Das war der WARMDUSCHER von Pete(r) Haarmann.

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