Obwohl ich täglich mit dem Zug fahre, habe ich bis heute die
Nutzung des stillen Örtchens eines Zugabteils erfolgreich verhindern können.
Aber nun ist es soweit, der Pinkeldruck ist einfach zu groß. Die halbe Kanne
Kaffee will wieder raus. Mit der Bedienung der Toilettenanlage bin ich ein
wenig überfordert. Für alle Handgriffe gibt es Funktions-Knöpfe. Tür auf,
Knopf drücken. Tür zu, Knopf drücken. Tür von innen verriegeln, Kopf
drücken. Spülung bedienen, Knopf drücken. Wasser aufdrehen, Knopf drücken,
usw.! Bloß raus hier, beim nächsten Mal bevorzuge ich wieder ein
stinknormales Gebüsch. Die Fahrt an sich gestaltet sich kurzweilig, da Muli
von seinem Urlaub noch eine Menge zu berichten weiß. In Bochum müssen wir
das Eisenpferd nach einer halben Stunde auch schon wechseln. Der RE1
Richtung Aachen bringt uns schließlich nach Duisburg zum Hauptbahnhof.
Die verbleibenden Restmeter bis zum Startpunkt – Duisburg
Rheinorange – müssen wir getrennt zurücklegen. Muli schwingt sich auf seinen
Drahtesel und ich steige in ein Taxi. Das erste Problem des Tages bahnt sich
an. Der Taxifahrer kennt weder die Skulptur Rheinorange, noch den
Straßennamen Am Bört. Ich bedanke mich bei dem auskunftsfreudigen Taxifahrer
mit Migrationshintergrund, zeige energisch auf meine Armbanduhr und will
wieder aussteigen, um ein anderes Taxi zu nehmen. Der Taxifahrer steigt mit
aus und redet auf mich ein: „Das kennt hier keiner!“ Hätte ich ihn nach der
Pizzeria gefragt, in der im vergangenen Jahr fünf Mafiosi erschossen wurden,
hätte er vermutlich noch eine Abkürzung dorthin auf Lager gehabt. So lande
ich wieder im selben Taxi und mit der Bemerkung, „Ich weiß so ungefähr wo du
meinst“, fahren wir dann los. Während der Fahrt wird nebenbei das
Navigationsgerät mit den Zielangaben gefüttert. Da der Mensch nun mal nur
bedingt multitaskingfähig ist, gab es ein paar Schlangenlinien gratis. Die
Eingabe der Zielkoordinaten wird vom Navi mit einem unangenehmen Geräusch
quittiert. Die Adresse gibt es nicht, höre ich immer wieder. Dann fange ich
an, den Straßennamen mehrfach zu buchstabieren: A m B ö r t ! Ö statt Ü ! Na
also, es geht doch. Wir kommen in die Nähe der orange gefärbten Säule.
Geschäftstüchtig wie die Jungs nun mal sind, will er mich auf dem Radweg
noch bis zur Skulptur fahren, aber ich will hier aussteigen. Mein Wunsch
wird akzeptiert. Ein kleines Trinkgeld und der Typ ist so schnell wieder
weg, wie er gekommen war. Die letzten zwei bis dreihundert Meter schlender
ich dem Startpunkt entgegen. Cheforganisator Jens ist voll in Aktion. Die
letzten Starterpacks werden verteilt und im Anschluss gibt es noch eine
Kurzeinweisung zum Ablauf der Veranstaltung. Die Dame vom WDR positioniert
ihre Kamera und gibt noch die letzten Regieanweisungen – in der WDR
Lokalzeit soll das Bildmaterial dann ausgestrahlt werden.
Jetzt geht alles ganz schnell. Alle Läuferinnen und Läufer kommen der Bitte
von Jens nach, die schwarzen Funktions-Shirts mit TorTour-Aufdruck
überzustreifen. Dazu noch die orangenen Kappen auf die Birne und fertig ist
das Startfoto. Ich ziehe nach dem Foto das Shirt auch direkt wieder aus,
denn bei zu erwartenden Temperaturen von 27 Grad Celsius unter
Sonneneinstrahlung ist es nicht gerade zielführend, komplett in schwarzen
Klamotten rumzulaufen. Darüber hinaus möchte ich mir das Shirt auch erst
verdienen, bevor ich es tragen werde. Ich habe auf Longsleeve-Shirt in weiß
gewechselt und nutze die verbleibende Zeit, um Muli anzurufen, denn gesehen
habe ich ihn hier an der Flussmündung noch nicht. Er hat sich ein wenig
verfahren und sein Tageszähler zeigt schon 15 km an, teilt er mir mit. Aber
es ist alles in Ordnung, er ist jetzt eingetroffen. Als der „Startschuss“
fällt, erspähe ich ihn dann auch. Die Meute trabt los. Ich halte kurz bei
Muli und wir befestigen den Trinkrucksack auf dem Gepäckträger. Nach gut 100
m ist es Zeit für die erste Pinkelpause nach dem Start, die vierte seitdem
ich aufgestanden bin. Jedenfalls bin ich gut hydriert, so dachte ich mir.
Trinken, trinken, trinken, so lautet die Devise, die Jens bei dem letzten
Webseiten-Update noch propagiert hat.
Erwartungsgemäß zieht sich das Läuferfeld gemächlich auseinander. Die
TorTour-Bambinis vorneweg, eine Ausnahme bilden nur Elke S. aus dem
Nationalkader, René Sachsenblitz und Running Doc Weigelt. Für den ersten
Lacher des Tages sorgt eine Dame, deren Köter sich selbstständig gemacht
hat, mit dem Kommando in Richtung Hund: Steh! Steh! Steh! Die Töle ignoriert
den Hinweis und kommt dem Peleton gefährlich nahe. Eine Stimme aus der
Läuferschar stellt kurz darauf die Frage: Gibt die bei ihrem Mann zuhause
die gleichen Befehle? Kollektives Lachen :-)) Ja, es ist eine gewisse
Heiterkeit, wenn nicht gar Lässigkeit zu beobachten. Aber schließlich ist
das hier kein Karnevalszug durch die Gemeinde und somit ist es nur eine
Frage der Zeit, wann die Lacher weniger werden und der Redeschwall ins
Stocken gerät.
Mein Radbegleiter Muli hat sich nach 20 Kilometern allmählich an den
Rhythmus eines Ultras gewöhnt. Ich weise ihn an, in der Lenkertasche immer
ein Trinkpäckchen, eine Packung Erdnüsse und einen Müsliriegel
bereitzuhalten. Die Pulle im Flaschenhalter soll nach Möglichkeit immer
sofort wieder aufgefüllt werden. Den ersten Verpflegungspunkt bei Kilometer
25 erreiche ich noch mit einer kleinen Gruppe gemeinsam. Hier nehme ich mir
drei Becher Cola vom reichhaltig gedeckten Tapeziertisch und bekomme
nebenbei noch die Information, René und Stefan sind durch. Aber Elke, wo ist
Elke? Für diese Frage konnte es nur eine Antwort geben. Sie muss sich
verlaufen haben. Ich bin froh, dass ich noch keinen Umweg genommen habe.
Nach drei Minuten gebe ich an meinen Radbegleiter das Kommando: Aufsitzen,
Abmarsch. Es geht weiter Richtung Baldeney-See.
Wir sind alleine unterwegs. Ich bereite Muli jetzt langsam auf das vor, was
uns noch zu erwarten hat. Traumhafte Streckenabschnitte entlang der Ruhr
wechseln sich ab. Man könnte meinen, man befindet sich irgendwo an der Mosel
in einem verträumten Winzernest, nur die Weinberge fehlen natürlich, um
diese Illusion perfekt zu machen. Welch ein Glück muss man haben, damit eine
mehrmonatige Planung mit einem solchen Kaiserwetter seinen krönenden
Abschluss findet? Das Glück ist mit den Tüchtigen. Die Quecksilbersäule
klettert unaufhaltsam. Aber was will man erwarten, wenn der Wetterbericht
von 5:00 Uhr a.m. Temperaturen um 16 Grad Celsius vermeldet - im
Tagesverlauf bis 27 Grad Celsius. Es liegt ein zarter Hauch vom Death Valley
über dem Ruhrtal. Diese sehr schnell steigende Temperatur hat manch einer
für den heutigen Tag nicht auf seiner Rechnung. Der Baldeney See ist der
größte an der Strecke liegende See. Dies zeigt er einem auch durch ein nicht
enden wollendes Ufer in aller Deutlichkeit. Der zweite Verpflegungspunkt ist
in Reichweite und die Motivation steigt wieder. Ich passiere das
Hinweisschild mit der Entfernungsangabe: 50 Meter bis zum VP. Ein Läufer ist
aus der Ferne zu sehen. Als ich näher komme erkenne ich ihn, es ist Running
Doc. Ihm ist irgendetwas ins linke Auge geflogen. Sein Anblick erinnert mich
mehr an eine Szene aus einem Rocky-Film, als an eine Laufveranstaltung. Ganz
schön geschwollen, die Klüsen - zumindest das Linke. Der Tisch ist wieder
reichhaltig gedeckt, jedoch will ich mich nicht allzu lange daran aufhalten.
Mit der Bemerkung, „Bis jetzt habe ich mich geschont, aber das hat nun ein
Ende“, verabschiede ich mich leicht schmunzelnd vom VP-Personal. Das meiner
Meinung nach einen Orden für Freundlichkeit und liebevolle Betreuung
verdient hat - dies Aussage gilt im Übrigen für alle VPs. Somit entschwinde
ich der Nestwärme der Ruhrrunner, ohne mir der Tatsache bewusst zu sein,
dass sich zu diesem Zeitpunkt nur ein Läufer vor mir befindet. Aus dem
Augenwinkel heraus sehe ich noch Elke einlaufen. Über die Umwege, die sie in
Kauf genommen haben muss, kann ich nur Vermutungen anstellen.
Nach wenigen hundert Metern taucht plötzlich Doc Weigelt wieder vor mir auf,
obwohl ich vor ihm den VP verlassen habe. Zweifel kommen bei mir auf, ob ich
den richtigen Weg genommen habe. Ich forciere ein wenig das Tempo und hänge
mich dran. Wir traben nun nebeneinander her, ohne zu wissen, dass dies bis
zum VP bei Kilometer 100 (Bambiniziel) eine bilaterale Angelegenheit werden
sollte. Running Doc hat für die TTdR 230 gemeldet und beklagt die
kurzfristige Absage seines Radbegleiters (zwei Tage vor dem Start). Das sind
natürlich nicht gerade optimale Voraussetzungen zum Finishen, auch für einen
Deutschen Meister über 100 km (AK 50) nicht. Im Gespräch wird Ablenkung
gesucht und auch gefunden. Darüber hinaus wird Stefan kurzer Hand an mein
radelndes Versorgungssystem angeschlossen und mit der nötigen Flüssigkeit
versorgt. In der Nähe von Bochum Dahlhausen steht Angie mit einem weißen Bus
am Wegesrand und winkt meinen Radbegleiter zu sich. Ich und Stefan laufen
unbeirrt weiter. Jeder unnötige Halt wird vermieden. Kurze Zeit später klärt
Muli mich über die Situation auf. René und Angie haben sich verpasst. Das
ist schlecht für René, denn die Möglichkeiten an die Ruhr mit dem PKW
heranzufahren sind doch sehr begrenzt. Muli strampelt unverzüglich los, um
diese Versorgungslücke zu schließen. Nach gut einem Kilometer wartet Muli
schon wieder auf uns und meldet: Auftrag ausgeführt!
Ich habe einen kleinen Durchhänger auf dem Abschnitt zwischen Bochum
Dahlhausen und Hattingen. Diese Ruhrschleife mit dem Namen Winzerbogen
entwickelt sich zu diesem Zeitpunkt zur Spaßbremse. Jetzt auch noch
Kopfsteinpflaster - muss das den sein. Muli muss sogar von seinem Drahtesel
runter und schieben, so unwegsam ist das Gelände. Augen zu und durch lautet
die Devise. Ich lasse mir von Muli einen kleinen Muntermacher zubereiten.
Eine schön matschige Banane, dazu eine Flasche Salzwasser und im Anschluss
noch eine kleine Packung Erdnüsse obendrauf - das wirkt. Danach kann mir
auch der Anblick einer ausgekotzten Banane in einer isotonischen
Flüssigkeitslache nichts anhaben.
Wir befinden uns auf der Rauendahlstr. (Teilstück zwischen Rauendahl und
Brockhausen), als ich wieder Anschluss an die Spitze bekomme. René und
Stefan (wir hatten uns zuvor irgendwie getrennt) legen eine Gehpause ein.
Ich geselle mich dazu und frage sicherheitshalber nach, ob noch irgendetwas
aus meinem fahrenden Bauchladen benötigt wird. In diesem Moment näher sich
Elke dem Trio und läuft nach kurzem Wortwechsel wie ein Uhrwerk an uns
vorbei. Sollte das die Entscheidung für die TTdR 230 sein? Es gibt eine
Spruch, der besagt: Am Start erkennt man den Sieger. Elke wirkt äußerlich
noch sehr frisch, wobei René einen angeschlagenen Eindruck macht und Stefan
sich mit einem (seinem) Ausstieg im Bambinilauf-Ziel angefreundet hat.
Die ersten Hinweisschilder mit Kilometerangeben zur Distanz bis zum Kemnader
See tauchen auf. Am Nordufer soll sich der VP bei Kilometer 78 befinden.
Hier empfängt uns Step mit seinen Köstlichkeiten. Ich nehme ein paar schön
salzige Gurken und mach es mir im Schatten bequem. Rudi und Tom kümmern sich
vorbildlich um mich. Ich drücke noch einen vollgesaugten Schwamm über meinem
Kopf aus und präpariere mich für die restlichen 20 Kilometer. Jens entlässt
mich mit den Worten: Den Rest machst Du doch auf einer Arschbacke. Wir
(Stefan und ich) nehmen wieder Fahrt auf.
Den Rest der Strecke kenne ich nur zu gut. Ich bin mir nicht ganz darüber im
Klaren, ob dies ein Vorteil oder ein Nachteil darstellt. Es ist für mich
Ehrensache, nicht die Abkürzung mit der Fähre bei Burg Hardenstein, sondern
die Ausweichroute zu wählen. Diese Entscheidung entwickelt sich noch zu
einer Geduldsprobe. Die Strecke, direkt an der Hauptstraße gelegen, hat sich
durch die Sonne, die uns fortan im Nacken brennt, unerträglich aufgeheizt.
Spätestens als uns ein Jugendlicher entgegenkommt, der ein T-Shirt mit der
Aufschrift trägt, DURST WIRD DURCH BIER ERST SCHÖN, gibt es für Stefan und
mich kein anders Thema mehr. In unserer Vorstellung haben wir bereits mehr
Flaschen eiskaltes Bier getrunken, als noch Meter vor uns liegen. Am Freibad
in Wetter lädt Stefan mich noch zu einer Cola ein. Hoffentlich verderbe ich
mir damit nicht den Bierdurst, denke ich mir. Dann geht es weiter am
Harkortsee entlang bis nach Herdecke. Nun endlich, da liegt sie vor uns, die
Schweinebucht. Hier empfängt uns die von Grillfleisch geschwängerte Luft und
führt uns auf die Zielgerade. Nur noch über das Wehr, dann am Freibad
Hengsteysee vorbei. Es ist vorbei (für mich jedenfalls), das Bambiniziel ist
erreicht. Glückwünsche vom Veranstalter und vom übrigen VP-Personal runden
die TorTour für mich ab.