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Story: © Pete(r) Haarmann

   

Veröffentlicht: 28.05.2008

     
Titel:  Bambinilauf für Fortgeschrittene
   Ein Bericht zur TorTour de Ruhr 2008
Autor:  Pete(r) Haarmann
Datum:  Mai 2008
     

Bambinilauf für Fortgeschrittene
Ein Bericht über 100 wunderbare Kilometer -  und wie es dazu gekommen ist.
   by Pete® Haarmann

Alltagstrott - im Pott
Nächster Halt: Essen Hauptbahnhof. Dieser Zug endet dort. Wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung rechts. Kurz nachdem diese Lautsprecherdurchsage das Zugabteil beschallt hat, kommt der Zug zum Stehen und die Schleusen öffnen sich. Der Bahnsteig wird binnen Sekunden mit arbeitswilligen Pendlern geflutet. Zielstrebig und entschlossen setzen sie sich in Bewegung. Selten sieht man eine Person, die mit fragendem Blick orientierungslos durch die Gegend geistert. Es dauert nicht lange, dann hat das weit verzweigte System von Unterführungen die Menschenmasse aufgesaugt. Der Bahnsteig ist bereit den nächsten Schwall von Pendlern mit dem nächsten einfahrenden Zug aufzunehmen. Nicht selten kreisen meine Gedanken in diesen Momenten bereits um eine laufintensive Einheit in den Abendstunden. Der Tag lässt mir so gut wie keinen Spielraum bei der Planung meiner Trainingseinheit. Das hat allerdings auch einen positiven Nebeneffekt. Man wird sehr anspruchslos und nimmt die Gelegenheit so, wie sie sich einem bietet. Die Frage nach den Wetterbedingungen stellt sich erst gar nicht. Wenn Du laufen willst, dann tu es jetzt! Ein Mann, ein Paar Laufschuhe und ein Ziel vor Augen. Das Lauftraining bietet mir eine Möglichkeit, aus dem Alltagstrott auszubrechen. Erst wenn ich von meiner abendlichen Trainingseinheit nach Hause zurückkehre, dann werde ich einige Dinge wieder ins rechte Licht gerückt haben. Die Entbehrungen und die Abwendung von allem Überflüssigen in dieser Zeit reinigen Körper und Geist. Nach Stunden wird jeder Atemzug zu einer intensiven Erfahrung. Im Anschluss an die schweißtreibende Beschäftigung sorgt bereits ein simples Glas, mit Wasser gefüllt, für ein Gefühl der Euphorie. Wo sonst kann man die bedeutungsvollen Kleinigkeiten des Lebens so hautnah spüren und auskosten? Gerade die unmittelbaren Eindrücke nach einer Ausdauerbelastung bergen ein gewisses Suchtpotential.

Es war mir, als ob die Berge eine eigene Sprache zu mir redeten und ich ihnen zuhorchen müsste. Wenn Lehrer und Gefährten mich schalten oder verlachten, dann schwieg ich. Würden sie mich denn überhaupt verstehen, wenn sie selbst nicht die Stimmen hörten?
Herman Buhl - Achttausend drüber und drunter

Einstiegsdroge Marathon - verliert ihre Wirkung
Die Ruhr schlängelt sich auf einer Länge von 230 km durch das gleichnamige Ruhrtal. Parallel dazu verläuft der Ruhrtalradweg, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Dass es möglich ist, sich diesen Radweg auch ohne Drahtesel (laufend) zu erschließen, hat Jens Vieler eindrucksvoll bewiesen. Er bewältigte die gesamte Distanz in einem Nonstop-Lauf, ausgehend von der Ruhrquelle in Winterberg bis zur Mündung der Ruhr in den Rhein - Rheinorange bei Duisburg.

quod erat demonstrandum

Diesem Laufprojekt gab er den Namen TorTour de Ruhr (TTdR). Was hat nun die TTdR mit einem Hollywood Blockbuster gemeinsam? Richtig, es gibt eine Fortsetzung! Allerdings wird Jens diesmal nicht selber laufen, sondern wird im Rahmen eines privaten Einladungslaufs als Organisator in Erscheinung treten, um so einigen befreundeten Laufkollegen die Gelegenheit zu geben, in dieser Disziplin mit ihm gleichzuziehen. Da ich bei der Debütveranstaltung als radelnder Supporter und schnaufender Etappenläufer mit von der Partie war, durfte ich stark damit rechnen, auch eine solche Einladung zu bekommen.

*persönliche Einladung*


                                           Logo: Jens Vieler

Mitte November 2007 sucht eine Mail mit entsprechendem Inhalt Unterschlupf in meinem Postfach. Zeitgleich ist bei Step in den News (www.steppenhahn.de) folgendes zu lesen:

TorTourdeRuhr 2008 :-)
Vom 10. - 11.5.2008 (Pfingsten!) bietet Jens die wohl längste Praline Deutschlands:

Liebe Nonstop-, 24h-48h-, 100-Meiler-, Landschaftsläufer und sonstige Verrückte, weil's mir 2007 soviel Spaß gemacht hat, gibt's die TorTour in 2008 wieder - und diesmal gleich doppelt. 2x Ruhr total: TTdR230 und TTdR100.

Vom Rheinorange bei Duisburg bis zur Quelle bei Winterberg. Quer durchs Ruhrgebiet bis ins tiefste Sauerland. Vergesst Kohle, schmutzig, dreckig oder langweilig! Grün und saftig ... immer an der Ruhr entlang!

Mit seinen 230 Kilometern ist die TTdR230 wohl der längste Nonstop-Lauf Deutschlands. Parallel dazu wird der TTdR100 (Bambinilauf) über 100 Kilometer angeboten. Läufer und Helfer willkommen. Mehr Infos auf http://www.tortourderuhr.de oder jens@tortourderuhr.de fragen.

Fragestellung
Damit stellt sich für mich nun die alles entscheidende Frage: TTdR100 oder gar TTdR230? Ist die längste Praline Deutschlands nicht vielleicht (noch) einen Tick zu lang für mich? Sie könnte sich zu guter Letzt noch zum Appetitzügler entwickeln, wenn man sie nicht richtig dosiert. Besitzt hingegen die TTdR100 die nötige Portion Herausforderung, um sich dafür das Pfingstwochenende um die Ohren zu schlagen? Wenn nicht, dann könnte man darüber nachdenken die TTdR100 (den Bambinilauf) damit aufzuwerten, indem man auf den Beistand von Supportern verzichtet und die Strecke im Rahmen der Veranstaltung solo angeht. Um für mich die optimale Variante herauszufinden, hilft nur ein strukturiertes Auswahlverfahren. Aus diesem Grund habe ich noch mal alle Optionen aufgelistet.

Die Fakten
Start: Rheinorange bei Duisburg
Ziel TTdR100: Hengsteysee in Hagen
Ziel TTdR230: Ruhrquelle bei Winterberg
Distanz: 100 km, 230 km
Datum: 10.5.2008
Startzeit: 8:00 Uhr
Cutt-off TTdR100: 14h (22:00 Uhr, 10. Mai 2008)
Cutt-off TTdR230: 40h (24:00 Uhr. 11. Mai 2008)
Anmeldefrist: bis zum 1.4.2008

Ein paar spontane Gedanken...

Fahrradbegleiter only
Für den Fall, dass mir eine Erkrankung oder Verletzung die Teilnahme als Läufer verbieten sollte - Hauptsache dabei sein!

Etappenläufer, deutlich sub 100 km
Die Notlösung für den leidenschaftlichen Läufer, auch ohne spezielles Vorbereitungsprogramm jederzeit machbar, da die Streckenlänge dem allgemeinen Fitness-/Gesundheitszustand angepasst werden kann.

Fahrradbegleitung und im Anschluss Etappenläufer
Diese Variante hatte ich ja bereits auskosten dürfen (45 km Rad, 55 km per pedes), muss ich nicht unbedingt noch mal haben. Ich war der Meinung, diesen Kurzultra von 55 km läufst du aus dem Handgelenk, aber Pustekuchen! Man könnte sagen, ich hatte diese Aufgabe leicht unterschätz. Am Ende war ich ziemlich geplättet. Okay, Anfang der Woche hatte ich noch mit erhöhter Temperatur zu kämpfen gehabt und bei der Ankunft in Duisburg war ich dann auch 33 Stunden ohne Schlaf, da sieht man natürlich nicht gerade taufrisch aus. Was mir allerdings ziemlich zu schaffen gemacht hat, das war die Anpassung an den Laufrhythmus eines Läufers, der bereits über 100 Meilen hinter sich hat. Jens hatte mich im Vorfeld gewarnt: „Die Uhren ticken unterschiedlich!“ Nein, diese Möglichkeit scheidet eigentlich direkt aus, eine Wiederholung wird es nicht geben.

TTdR100 - auch Bambinilauf genannt
100 km in maximal 14 Stunden auf flacher Stecke, das sollte machbar sein. Hier kann man sich 14 Stunden von den Betreuern verwöhnen lassen. Ich denke, zwei Betreuer sollten reichen (Wechsel nach 50 km). 100 km, das ist eine Distanz, die ich mir auf jeden Fall zutraue. Die TTdR100 kommt somit in die engere Wahl.

TTdR100 solo
Es handelt sich hier um die verschärfte Bambinilauf-Version - ohne die Unterstützung durch Supporter. Hier ist eine gewissenhafte Vorbereitung Pflicht, auch was die Streckenkenntnisse betrifft. Mit einem halben Liter Flüssigkeit laufe ich maximal 40 km (grenzwertig). Mein Trinksystem hat ein Fassungsvermögen von zwei Litern, darüber hinaus kann ich im Rucksack noch mal 1 bis 2 Liter Flüssigkeit unterbringen. Wenn ich bei dieser Dauerbelastung von einem Bedarf von circa. einem Liter pro Stunde ausgehe, dann komme ich mit dieser Menge auch nicht wirklich weit. Der Aktionsradius sollte allerdings ausreichend sein, um regelmäßig unterwegs Getränke nachkaufen zu können. Diese „Wasserlöcher“ müssen natürlich im Vorfeld ausgekundschaftet werden. Eine sehr reizvolle Variante, wie ich finde - kommt ebenfalls in die engere Wahl.

TTdR230 komplett - kein Kindergeburtstag!
Einen Fehler möchte ich mir nicht leisten, deshalb werde ich darüber noch einige Zeit nachgrübeln müssen, ob ich die TTdR230 als realistisches Ziel einstufen darf. Das ist kein Zuckerschlecken und wer sich nicht ausreichend auf diese Aufgabe vorbereitet, der wird eingehen wie eine Primel. Es verhält sich wie mit der Besteigung eines Achttausenders, jeder der vom Gipfel zurückkommt ist von der Strapaze gezeichnet. Da braucht man sich nichts vormachen! Den grünen Bereich sehe ich bei einer kontinuierlichen Kilometerleistung von 120 bis 150 km pro Woche, wobei zwischendurch Ultradistanzen runterzuspulen sind. Es wäre vermessen, die TTdR230 zum jetzigen Zeitpunkt in die engere Wahl aufzunehmen. Allerdings möchte ich mein Training in den nächsten Monaten nach dieser Zielsetzung ausrichten und entscheide mich dann bis Mitte/Ende April 2008 für eine der aufgezählten Varianten. Damit bleiben mir gut fünf Monate zur Vorbereitung und zur Entscheidungsfindung

Zwischen Wunsch und Tat - die Vorbereitung
Meine aktuelle Trainingsmethode bedarf einer geringfügigen Umstellung. Das Motto muss lautet: Mut zur Langsamkeit! Während ich bei meinen bisherigen Sub-100-Läufen mit der unbekümmerten Einstellung an den Start gegangen bin, 50 Kilometer volle Kanne und dann runterschalten, wird dies bei der bevorstehenden Veranstaltung allenfalls einen „sudden death“ zum Resultat haben. Auch die innere Einstellung muss gegebenenfalls auf den Prüfstand. Die Zielsetzung darf nicht sein, die 230 km so schnell wie möglich laufen zu wollen, sondern sie muss darauf konzentriert sein, den Körper aus eigener Kraft bis zu 40 Stunden in Bewegung zu halten. Am Ende sollte man noch in der Lage sein, sich aufrecht fortzubewegen. Jeder Schritt ist ein Erfolg. Wenn man alles richtig gemacht hat, dann hat man in dieser Zeit auch die anvisierten 230 km geschafft. Aus dieser Zielsetzung heraus lassen sich folgende Trainingsvorgaben ableiten:

• Tempotraining spielt so gut wie keine Rolle
• Regenerationsphasen nicht vernachlässigen
• Möglichst täglich laufen
• Auch zwei Einheiten am Tag
• Diszipliniert/Kontrolliert laufen
• Bewegungsablauf harmonisieren
• Ultralauf am Wochenende
• Laufen mit Gehpausen unterbrechen
• Entspannungsübungen während der Gehpausen
• Gedanken schweifen lassen

4 Tage 4 Ultras
Vier Ultras an vier aufeinander folgenden Tagen hatte ich mir zum Ziel gesetzt. Im Endeffekt konnte ich drei Ultras an drei aufeinander folgenden Tagen realisieren. Den vierten Ultra bin ich nicht mehr gelaufen, weil mein Körper mir signalisiert hat, damit keinen Fortschritt mehr erzielen zu können. Nach zwei Tagen Pause habe ich dann noch mal 20 km, davon die letzten 10 km im Tempodauerlauf absolviert. Ich fühlte mich in hervorragender Verfassung, ein Zeichen dafür, alles richtig gemacht zu haben. Es ist schon erstaunlich, wie sich der Körper innerhalb von zwölf Stunden nach einer gelaufenen Ultradistanz regenerieren kann. Motivationsprobleme hatte ich zu keinem Zeitpunkt. Im gleichen Maße, wie der Respekt vor den 230 km der TTdR wuchs, nahm auch das Selbstvertrauen zu, diese Distanz am Stück laufen zu können. Ich ließ mich von Jens auf die Warteliste für die TTdR230 setzen. Wenn ein Startplatz frei würde und ich beim 24h-Lauf am Seilersee ein passables Ergebnis abliefern sollte, ja dann würde ich das Abenteuer wagen.

Überlastung ???
Nach einer Laufeinheit am ersten April - 20 km im 6er Schnitt - hatte ich ziemlich starke Schmerzen im rechten Knie. Ich hoffe, dass es sich um einen kleinen Aprilscherz meines Körpers handelt. Keine Panik, Ruhe bewahren und abwarten. Ich werde erstmal die üblichen Behandlungsmethoden anwenden: Eis drauf und einölen, dann klappt´s auch mit dem nächsten Ultra. Ein Ultra war es dann nicht direkt, aber keine fünf Tage später konnte ich wieder eine Marathondistanz in gewohnter Manier runterspulen. Bleibt nur ein kleines Fragezeichen, warum sich die Schmerzen so spontan gezeigt haben? Eventuell doch eine kleine Überlastungserscheinung, resultierend aus dem Pensum der vorherigen Woche? Analyse ist gut, aber manchmal sollte man nicht zu viele Fragen stellen, die letztendlich unbeantwortet bleiben.

3-Seen-Ultra
Und noch ein Ultra! Jens hat kurzfristig zum Trainingsultra geladen und so sollte sich spontan ein laufender Sixpack auf dem Ruhrtalradweg einfinden. Als ich den Hengsteysee erreiche, fällt mir direkt ein Läufer mit Rucksack auf. Wie sich kurz darauf herausstellen sollte, handelt es sich um Tom Kuschel vom Marathon Club Menden, der sich Pfingsten auf der langen Strecke austoben möchte. Zusammen mit Tom und Jens laufe ich Richtung Wetter, wo wir von drei weiteren Läufern in Empfang genommen werden. Ein neues Gesicht ist dabei - Matthias Kumpmann aus Wetter hat den Bambinilauf gebucht und möchte nebenbei Spenden sammeln. Er hat für den Event gleich ein ganzes Rudel von Fahrradbegleitern in die Pflicht genommen. Rudi Timm kenne ich bereits von der TTdR 2007, von ihm habe ich letztes Jahr das Begleitfahrrad übernommen. Mit dem Lauflöwen alias Stefan Schirmer war ich in diesem Jahr schon mehrmals in Laufschuhen unterwegs gewesen. Die Truppe ist somit komplett und es gibt keinen weiteren Grund dumm in der Gegend herumzustehen. Wir traben los. Jens möchte bei der Gelegenheit noch die Beschilderung des Ruhrtalradweges am Kemnader See in Augenschein nehmen. Es formieren sich drei Zweiergrüppchen, die sich von Zeit zu Zeit immer wieder neu zusammenstellen, so dass jeder mit jedem die Gelegenheit zu einem kurzweiligen Pläuschchen hat. In diesem Verbund erreichen wir nach gemeinsamen 10 km die Fähre bei Burg Hardenstein und lassen uns übersetzen. Ein Hinweisschild bitte stumm um eine freiwillige Spende zur Finanzierung des Fährbetriebes. Da ich vorsorglich kein Geld mitgenommen habe, muss ich spontan an den Song von Chris de Burgh denken: Don´t pay the ferryman!

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Fotos: Stefan Schirmer

Jens hat dann für die Truppe einen 5er in den Klingelbeutel gesteckt. Dann geht es weiter zum Kemnader See. Die Stelle, an der Step (Stephan Isringhausen) den Verpflegungspunkt bei der TTdR errichten möchte, wird inspiziert. Kurze Zeit später befinden wir uns auch schon wieder auf dem Rückweg, die Fähre lassen wir diesmal rechts liegen und laufen die vorgesehene Umgehungsroute. An der Ruhrbrücke in Wetter verabschieden sich Stefan, Rudi und Matthias. Von hieraus bis vor meine Haustür sind es noch ca. 12 km. Wenn ich die zurückgelegt habe, dann darf ich mir für heute wieder einen Kurzultra in mein Lauftagebuch kritzeln. Es hat wieder alles gepasst: Wetter gut, Leute gut, Stimmung gut! Weiter so...

Entscheidung - am Seilersee

Dieser Weg wird kein leichter sein.
Dieser Weg wird steinig und schwer.

Dieser Song von Xavier Naidoo begleitet mich neben meiner Ehefrau an diesem Morgen auf der kurzen Strecke von Hagen nach Iserlohn. Nur viermal hintereinander schafft es der CD-Player ihn abzuspielen, dann ist der Ort des Geschehens auch schon erreicht. Iserlohn Seilersee, unzählige Male habe ich die Autobahn über diese Ausfahrt verlassen. Aber das war in den Achtzigern, als die Garnisonsstadt Iserlohn für 15 Monate meine zweite Heimat werden sollte. In dieser Zeit habe ich diese „kleine Pfütze“, genannt Seilersee, lieben und hassen gelernt. Die Erinnerungen an jene Zeit trägt man sein ganzes Leben wie Erbgut mit sich herum. Es hat sich seitdem einiges geändert, aber dieser kleine See scheint allen Veränderungen zu trotzen. Beim Anblick fühle ich mich um einige Jahre in der Zeit zurückversetzt. Links, Links, Links… die Stimme des Ausbilders gibt den Takt an. Das dumpfe gleichmäßige Geräusch beim Aufsetzen der Kampfstiefel auf den Asphalt, ich höre es ganz deutlich.


Organisator Bernd Nuss mit seiner Frau
Foto: Tom Kuschel

In eine Geburtstag reinfeiern, das kennt man ja. Aber in einen Geburtstag reinlaufen, das ist für mich ein absolutes Novum. Unter dem Motto „60+ move more…“ hat Bernd Nuss eine sehr eigenwillige Geburtstagsfeier organisiert. Es handelt sich hierbei um einen Benefizlauf über 24 Stunden. Zwei soziale Projekte sollen durch Spenden und Sponsoren in direkter Weise unterstützt werden. Bernd möchte gern innerhalb der ihm zur Verfügung stehenden 24 Stunden noch einen Marathon im Alter von 59 Jahren laufen und direkt im Anschluss eine weiteren Marathon als 60jähriger finishen. Bei dem ganzen Organisationskram vor und während einer solchen Veranstaltung halte ich diese Zielsetzung für sehr anspruchsvoll. Ich möchte es an dieser Stelle vorwegnehmen: Bernd hat sein Ziel erreicht! Ich wünsche ihm alles Gute für die Zukunft und das er sein soziales Angagement noch lange einbringen kann. Vielleicht heißt es in ein paar Jahren „70+ move more…“.


Ist das bereits ein Omen für die TTdR?
Pete (18) und Running Doc (138)
Foto: Tom Kuschel

Seinem Aufruf sind viele Läufer gefolgt, und so wird am 24. April 2008 um 12:00 Uhr der 1. Seilersee 24-Stundenlauf gestartet. Die erste Runde geht es gemeinsam im Pulk um den See, denn Bernd will sichergehen, dass sich alle Läufer auch auf der exakt vermessenen Strecke bewegen und nicht unwissentlich eine Abkürzung nehmen. Es ist meine zweite Teilnahme an einem Zeitlauf über 24 Stunden, wobei ich den ersten Versuch nicht als ernsthaft werten möchte. Ich sauge die Atmosphäre dieser Veranstaltung in mich auf und versuche dieses Gefühl zu konservieren. Die ungläubigen Blicke vereinzelter Spaziergänger amüsieren mich im Stillen, aber so einen Lauf unternimmt man schließlich nicht, um sich die Gegend anzuschauen. Die Motivation ist für Außenstehende nur schwer zu begreifen. Über die vielen Stunden wird man feststellen, dass sich die Umgebung durch das Licht- und Farbenspiel am Himmel und die Beeinflussung durch die Wetterverhältnisse sehr wohl verändern kann.

Für mich sollte dieser Lauf die Entscheidung darüber liefern, ob ein Start bei der TTdR über die lange Strecke als sinnvoll und machbar einzustufen ist. Wobei machbar nicht mit sinnvoll gleichzusetzen ist. In Abhängigkeit von meinem körperlichen Wohlbefinden im Anschluss und mit einer Zielvorgabe von 100 Meilen sollte die Entscheidung herbeigeführt werden. Und sie wurde herbeigeführt. Nach dem Lauf stand für mich zweifelsfrei fest, ich bin noch nicht so weit! Dieses 230-km-Monster kommt ein Jahr zu früh für mich. Ergo: TTdR100 ist die richtige Wahl. Ich entscheide mich für die abgeschwächte Version mit Begleitung.

Das ist eine ganz schwere Fahrt. Das ist noch nichts für dich. Vielleicht in ein paar Jahren. Man muss die Kinderschuhe des Kletterers längst abgetreten haben, ehe man sich in sie* wagen darf. Darf ich es schon? Der Verstand verneint die Frage. Die Sehnsucht schreit ein leidenschaftliches "Ja"! Herman Buhl - Achttausend drüber und drunter
*gemeint ist die Fleischbank-Ostwand, eine der schwersten Kaisertouren

Hütet Euch vor einem 24-Stunden-Lauf, oder Ihr seid morgen um 1000 Erfahrungen reicher.

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Nach dem 24er nur noch als Bettvorleger zu gebrauchen - kaputt und zufrieden :-) Fotos: Bobbi

Special thx:
Henry Wibberg - dafür, dass Du mich so zugerichtet hast ;-) auf Deutsch auch: Unterstützung, Beistand leisten
Bobbi - dafür, dass Du mich gebracht/abgeholt hast und mich im Anschluss versorgt hast
Bernd Nuss - dafür, dass Du uns diese Veranstaltung spendiert hast
Stefan Schirmer - für die Mail mit den Bildern
Tom Kuschel - für die CD mit den Bildern

 

TorTour de Ruhr 100 - die kleine Version
Die Uhr zeigt kurz vor zwölf, als ich mich am Vorabend des 10. Mai endlich hinlegen kann. Eigentlich wollte ich zumindest noch geduscht haben, aber das muss nun bis zum anderen Morgen warten. Die zweite Hälfte des Tages ist mal wieder anders verlaufen, als ich mir dies vorgestellt hatte. 4:30 Uhr ist eine unchristliche Zeit, aber wenn ich durchschlafen sollte, dann habe ich noch gute vier Stunden Schlaf vor mir. Die Startvorbereitungen hatte ich bereits vor einigen Stunden abgeschlossen. Der Notfall-Trinkrucksack ist gepackt, die Plastiktüte mit den Utensilien für morgenfrüh hängt am Kleiderschrank und mein Radbegleiter ist über alle Einzelheiten informiert.

Aufstehen, Kaffee kochen, duschen, frühstücken, ankleiden, und Abmarsch! Die Uhr zeigt 5:45 Uhr, da befinde ich mich mit meiner Frau auch schon auf dem Weg zum Bahnhof. Ich sitze auf dem Beifahrersitz und es fällt mir schwer, die Füße still zu halten, bedingt durch die Tatsache, dass die gefüllte Blase in Kürze geleert werden möchte. Mein Radbegleiter Muli – einer meiner ältesten Freunde – wartet hoch motiviert auf dem Bahnhofsvorplatz. Muli ist sein Spitzname, sonst heißt er Jörg. Toll sieht es aus, sein schwarzes Rad mit den vier roten Packtaschen. Es ist ein Riesenvorteil, wenn man ordentliches Material für solche Einsätze zur Verfügung hat. Muli und sein Rad sind Jakobsweg-erprobt, erst vor zwei Tagen ist er aus Santiago de Compostela (Spanien) zurückgekehrt, um bei der TorTour dabei sein zu können. Ein braver Supporter ist er, er macht sein Bellen ganz prima, wie ich finde! Auf die Begrüßung folgt auch sofort der Abschied, der Abschied von meiner Frau. Sie fährt in ein paar Stunden mit den Kids über Pfingsten nach Bayern zu einer Freundin.


Muli mit seinem Drahtesel in der Regionalbahn
Foto: Pete

Obwohl ich täglich mit dem Zug fahre, habe ich bis heute die Nutzung des stillen Örtchens eines Zugabteils erfolgreich verhindern können. Aber nun ist es soweit, der Pinkeldruck ist einfach zu groß. Die halbe Kanne Kaffee will wieder raus. Mit der Bedienung der Toilettenanlage bin ich ein wenig überfordert. Für alle Handgriffe gibt es Funktions-Knöpfe. Tür auf, Knopf drücken. Tür zu, Knopf drücken. Tür von innen verriegeln, Kopf drücken. Spülung bedienen, Knopf drücken. Wasser aufdrehen, Knopf drücken, usw.! Bloß raus hier, beim nächsten Mal bevorzuge ich wieder ein stinknormales Gebüsch. Die Fahrt an sich gestaltet sich kurzweilig, da Muli von seinem Urlaub noch eine Menge zu berichten weiß. In Bochum müssen wir das Eisenpferd nach einer halben Stunde auch schon wechseln. Der RE1 Richtung Aachen bringt uns schließlich nach Duisburg zum Hauptbahnhof.

Die verbleibenden Restmeter bis zum Startpunkt – Duisburg Rheinorange – müssen wir getrennt zurücklegen. Muli schwingt sich auf seinen Drahtesel und ich steige in ein Taxi. Das erste Problem des Tages bahnt sich an. Der Taxifahrer kennt weder die Skulptur Rheinorange, noch den Straßennamen Am Bört. Ich bedanke mich bei dem auskunftsfreudigen Taxifahrer mit Migrationshintergrund, zeige energisch auf meine Armbanduhr und will wieder aussteigen, um ein anderes Taxi zu nehmen. Der Taxifahrer steigt mit aus und redet auf mich ein: „Das kennt hier keiner!“ Hätte ich ihn nach der Pizzeria gefragt, in der im vergangenen Jahr fünf Mafiosi erschossen wurden, hätte er vermutlich noch eine Abkürzung dorthin auf Lager gehabt. So lande ich wieder im selben Taxi und mit der Bemerkung, „Ich weiß so ungefähr wo du meinst“, fahren wir dann los. Während der Fahrt wird nebenbei das Navigationsgerät mit den Zielangaben gefüttert. Da der Mensch nun mal nur bedingt multitaskingfähig ist, gab es ein paar Schlangenlinien gratis. Die Eingabe der Zielkoordinaten wird vom Navi mit einem unangenehmen Geräusch quittiert. Die Adresse gibt es nicht, höre ich immer wieder. Dann fange ich an, den Straßennamen mehrfach zu buchstabieren: A m B ö r t ! Ö statt Ü ! Na also, es geht doch. Wir kommen in die Nähe der orange gefärbten Säule. Geschäftstüchtig wie die Jungs nun mal sind, will er mich auf dem Radweg noch bis zur Skulptur fahren, aber ich will hier aussteigen. Mein Wunsch wird akzeptiert. Ein kleines Trinkgeld und der Typ ist so schnell wieder weg, wie er gekommen war. Die letzten zwei bis dreihundert Meter schlender ich dem Startpunkt entgegen. Cheforganisator Jens ist voll in Aktion. Die letzten Starterpacks werden verteilt und im Anschluss gibt es noch eine Kurzeinweisung zum Ablauf der Veranstaltung. Die Dame vom WDR positioniert ihre Kamera und gibt noch die letzten Regieanweisungen – in der WDR Lokalzeit soll das Bildmaterial dann ausgestrahlt werden.

Jetzt geht alles ganz schnell. Alle Läuferinnen und Läufer kommen der Bitte von Jens nach, die schwarzen Funktions-Shirts mit TorTour-Aufdruck überzustreifen. Dazu noch die orangenen Kappen auf die Birne und fertig ist das Startfoto. Ich ziehe nach dem Foto das Shirt auch direkt wieder aus, denn bei zu erwartenden Temperaturen von 27 Grad Celsius unter Sonneneinstrahlung ist es nicht gerade zielführend, komplett in schwarzen Klamotten rumzulaufen. Darüber hinaus möchte ich mir das Shirt auch erst verdienen, bevor ich es tragen werde. Ich habe auf Longsleeve-Shirt in weiß gewechselt und nutze die verbleibende Zeit, um Muli anzurufen, denn gesehen habe ich ihn hier an der Flussmündung noch nicht. Er hat sich ein wenig verfahren und sein Tageszähler zeigt schon 15 km an, teilt er mir mit. Aber es ist alles in Ordnung, er ist jetzt eingetroffen. Als der „Startschuss“ fällt, erspähe ich ihn dann auch. Die Meute trabt los. Ich halte kurz bei Muli und wir befestigen den Trinkrucksack auf dem Gepäckträger. Nach gut 100 m ist es Zeit für die erste Pinkelpause nach dem Start, die vierte seitdem ich aufgestanden bin. Jedenfalls bin ich gut hydriert, so dachte ich mir. Trinken, trinken, trinken, so lautet die Devise, die Jens bei dem letzten Webseiten-Update noch propagiert hat.

Erwartungsgemäß zieht sich das Läuferfeld gemächlich auseinander. Die TorTour-Bambinis vorneweg, eine Ausnahme bilden nur Elke S. aus dem Nationalkader, René Sachsenblitz und Running Doc Weigelt. Für den ersten Lacher des Tages sorgt eine Dame, deren Köter sich selbstständig gemacht hat, mit dem Kommando in Richtung Hund: Steh! Steh! Steh! Die Töle ignoriert den Hinweis und kommt dem Peleton gefährlich nahe. Eine Stimme aus der Läuferschar stellt kurz darauf die Frage: Gibt die bei ihrem Mann zuhause die gleichen Befehle? Kollektives Lachen :-)) Ja, es ist eine gewisse Heiterkeit, wenn nicht gar Lässigkeit zu beobachten. Aber schließlich ist das hier kein Karnevalszug durch die Gemeinde und somit ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Lacher weniger werden und der Redeschwall ins Stocken gerät.

Mein Radbegleiter Muli hat sich nach 20 Kilometern allmählich an den Rhythmus eines Ultras gewöhnt. Ich weise ihn an, in der Lenkertasche immer ein Trinkpäckchen, eine Packung Erdnüsse und einen Müsliriegel bereitzuhalten. Die Pulle im Flaschenhalter soll nach Möglichkeit immer sofort wieder aufgefüllt werden. Den ersten Verpflegungspunkt bei Kilometer 25 erreiche ich noch mit einer kleinen Gruppe gemeinsam. Hier nehme ich mir drei Becher Cola vom reichhaltig gedeckten Tapeziertisch und bekomme nebenbei noch die Information, René und Stefan sind durch. Aber Elke, wo ist Elke? Für diese Frage konnte es nur eine Antwort geben. Sie muss sich verlaufen haben. Ich bin froh, dass ich noch keinen Umweg genommen habe. Nach drei Minuten gebe ich an meinen Radbegleiter das Kommando: Aufsitzen, Abmarsch. Es geht weiter Richtung Baldeney-See.

Wir sind alleine unterwegs. Ich bereite Muli jetzt langsam auf das vor, was uns noch zu erwarten hat. Traumhafte Streckenabschnitte entlang der Ruhr wechseln sich ab. Man könnte meinen, man befindet sich irgendwo an der Mosel in einem verträumten Winzernest, nur die Weinberge fehlen natürlich, um diese Illusion perfekt zu machen. Welch ein Glück muss man haben, damit eine mehrmonatige Planung mit einem solchen Kaiserwetter seinen krönenden Abschluss findet? Das Glück ist mit den Tüchtigen. Die Quecksilbersäule klettert unaufhaltsam. Aber was will man erwarten, wenn der Wetterbericht von 5:00 Uhr a.m. Temperaturen um 16 Grad Celsius vermeldet - im Tagesverlauf bis 27 Grad Celsius. Es liegt ein zarter Hauch vom Death Valley über dem Ruhrtal. Diese sehr schnell steigende Temperatur hat manch einer für den heutigen Tag nicht auf seiner Rechnung. Der Baldeney See ist der größte an der Strecke liegende See. Dies zeigt er einem auch durch ein nicht enden wollendes Ufer in aller Deutlichkeit. Der zweite Verpflegungspunkt ist in Reichweite und die Motivation steigt wieder. Ich passiere das Hinweisschild mit der Entfernungsangabe: 50 Meter bis zum VP. Ein Läufer ist aus der Ferne zu sehen. Als ich näher komme erkenne ich ihn, es ist Running Doc. Ihm ist irgendetwas ins linke Auge geflogen. Sein Anblick erinnert mich mehr an eine Szene aus einem Rocky-Film, als an eine Laufveranstaltung. Ganz schön geschwollen, die Klüsen - zumindest das Linke. Der Tisch ist wieder reichhaltig gedeckt, jedoch will ich mich nicht allzu lange daran aufhalten.

Mit der Bemerkung, „Bis jetzt habe ich mich geschont, aber das hat nun ein Ende“, verabschiede ich mich leicht schmunzelnd vom VP-Personal. Das meiner Meinung nach einen Orden für Freundlichkeit und liebevolle Betreuung verdient hat - dies Aussage gilt im Übrigen für alle VPs. Somit entschwinde ich der Nestwärme der Ruhrrunner, ohne mir der Tatsache bewusst zu sein, dass sich zu diesem Zeitpunkt nur ein Läufer vor mir befindet. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich noch Elke einlaufen. Über die Umwege, die sie in Kauf genommen haben muss, kann ich nur Vermutungen anstellen.

Nach wenigen hundert Metern taucht plötzlich Doc Weigelt wieder vor mir auf, obwohl ich vor ihm den VP verlassen habe. Zweifel kommen bei mir auf, ob ich den richtigen Weg genommen habe. Ich forciere ein wenig das Tempo und hänge mich dran. Wir traben nun nebeneinander her, ohne zu wissen, dass dies bis zum VP bei Kilometer 100 (Bambiniziel) eine bilaterale Angelegenheit werden sollte. Running Doc hat für die TTdR 230 gemeldet und beklagt die kurzfristige Absage seines Radbegleiters (zwei Tage vor dem Start). Das sind natürlich nicht gerade optimale Voraussetzungen zum Finishen, auch für einen Deutschen Meister über 100 km (AK 50) nicht. Im Gespräch wird Ablenkung gesucht und auch gefunden. Darüber hinaus wird Stefan kurzer Hand an mein radelndes Versorgungssystem angeschlossen und mit der nötigen Flüssigkeit versorgt. In der Nähe von Bochum Dahlhausen steht Angie mit einem weißen Bus am Wegesrand und winkt meinen Radbegleiter zu sich. Ich und Stefan laufen unbeirrt weiter. Jeder unnötige Halt wird vermieden. Kurze Zeit später klärt Muli mich über die Situation auf. René und Angie haben sich verpasst. Das ist schlecht für René, denn die Möglichkeiten an die Ruhr mit dem PKW heranzufahren sind doch sehr begrenzt. Muli strampelt unverzüglich los, um diese Versorgungslücke zu schließen. Nach gut einem Kilometer wartet Muli schon wieder auf uns und meldet: Auftrag ausgeführt!

Ich habe einen kleinen Durchhänger auf dem Abschnitt zwischen Bochum Dahlhausen und Hattingen. Diese Ruhrschleife mit dem Namen Winzerbogen entwickelt sich zu diesem Zeitpunkt zur Spaßbremse. Jetzt auch noch Kopfsteinpflaster - muss das den sein. Muli muss sogar von seinem Drahtesel runter und schieben, so unwegsam ist das Gelände. Augen zu und durch lautet die Devise. Ich lasse mir von Muli einen kleinen Muntermacher zubereiten. Eine schön matschige Banane, dazu eine Flasche Salzwasser und im Anschluss noch eine kleine Packung Erdnüsse obendrauf - das wirkt. Danach kann mir auch der Anblick einer ausgekotzten Banane in einer isotonischen Flüssigkeitslache nichts anhaben.

Wir befinden uns auf der Rauendahlstr. (Teilstück zwischen Rauendahl und Brockhausen), als ich wieder Anschluss an die Spitze bekomme. René und Stefan (wir hatten uns zuvor irgendwie getrennt) legen eine Gehpause ein. Ich geselle mich dazu und frage sicherheitshalber nach, ob noch irgendetwas aus meinem fahrenden Bauchladen benötigt wird. In diesem Moment näher sich Elke dem Trio und läuft nach kurzem Wortwechsel wie ein Uhrwerk an uns vorbei. Sollte das die Entscheidung für die TTdR 230 sein? Es gibt eine Spruch, der besagt: Am Start erkennt man den Sieger. Elke wirkt äußerlich noch sehr frisch, wobei René einen angeschlagenen Eindruck macht und Stefan sich mit einem (seinem) Ausstieg im Bambinilauf-Ziel angefreundet hat.

Die ersten Hinweisschilder mit Kilometerangeben zur Distanz bis zum Kemnader See tauchen auf. Am Nordufer soll sich der VP bei Kilometer 78 befinden. Hier empfängt uns Step mit seinen Köstlichkeiten. Ich nehme ein paar schön salzige Gurken und mach es mir im Schatten bequem. Rudi und Tom kümmern sich vorbildlich um mich. Ich drücke noch einen vollgesaugten Schwamm über meinem Kopf aus und präpariere mich für die restlichen 20 Kilometer. Jens entlässt mich mit den Worten: Den Rest machst Du doch auf einer Arschbacke. Wir (Stefan und ich) nehmen wieder Fahrt auf.

Den Rest der Strecke kenne ich nur zu gut. Ich bin mir nicht ganz darüber im Klaren, ob dies ein Vorteil oder ein Nachteil darstellt. Es ist für mich Ehrensache, nicht die Abkürzung mit der Fähre bei Burg Hardenstein, sondern die Ausweichroute zu wählen. Diese Entscheidung entwickelt sich noch zu einer Geduldsprobe. Die Strecke, direkt an der Hauptstraße gelegen, hat sich durch die Sonne, die uns fortan im Nacken brennt, unerträglich aufgeheizt. Spätestens als uns ein Jugendlicher entgegenkommt, der ein T-Shirt mit der Aufschrift trägt, DURST WIRD DURCH BIER ERST SCHÖN, gibt es für Stefan und mich kein anders Thema mehr. In unserer Vorstellung haben wir bereits mehr Flaschen eiskaltes Bier getrunken, als noch Meter vor uns liegen. Am Freibad in Wetter lädt Stefan mich noch zu einer Cola ein. Hoffentlich verderbe ich mir damit nicht den Bierdurst, denke ich mir. Dann geht es weiter am Harkortsee entlang bis nach Herdecke. Nun endlich, da liegt sie vor uns, die Schweinebucht. Hier empfängt uns die von Grillfleisch geschwängerte Luft und führt uns auf die Zielgerade. Nur noch über das Wehr, dann am Freibad Hengsteysee vorbei. Es ist vorbei (für mich jedenfalls), das Bambiniziel ist erreicht. Glückwünsche vom Veranstalter und vom übrigen VP-Personal runden die TorTour für mich ab.


Zieleinlauf nach gemeinsamen 60 Kilometern (Pete und Doc Weigelt)
Foto: Stefan Schirmer

Sogleich frage ich den Lauflöwen (Stefan Schirmer) nach dem von mir zuvor besorgten 6-Pack Bier. Die gute Nachricht, er wurde rechtzeitig kalt gestellt. Die schlechte Nachricht, mit einer Halbwertszeit von 10 Minuten sitzen wir schnell wieder auf dem Trockenen. Geld wird gesammelt und kurz darauf finde ich mich im fahrbaren Untersatz vom Lauflöwen wieder. Ziel ist der nahe gelegene Supermarkt mit dem Auftrag eine Bierbeschaffungsmaßnahme durchzuführen. Die Mission ist erfolgreich und so schlendern der Running Doc und ich mit einem Kasten Veltins am Handgelenk aus dem Einkaufsparadies. Hätte jemand geahnt, dass wir gerade per pedes aus Duisburg angereist sind, dann hätte man, so glaube ich, umgehend die Polizei gerufen. Der Abend wurde noch lang, vor allen Dingen für das VP-Personal im Bambiniziel. Weitere Läufer trudeln ein. Für die einen ist hier Endstation und für die anderen Durchgangsstation. Ein bisschen wehmütig ist mir schon zumute, als sich die Läufer für die bevorstehende Nacht fertig machen. Aber mit der Vernunftentscheidung „nur 100 km“ habe ich für mich die richtige getroffen. Der Lauflöwe ist so freundlich und fährt mich irgendwann „voll" zufrieden nach Hause.

Tagsdrauf habe ich mich mit meinem Begleit-Muli auswärts zum Frühstücken verabredet. Bewegung tut gut, also entschließe ich mich, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. Als ich mich auf der letzten Stufe der Kellertreppe befinde, muss ich entsetzt feststellen, dass ich nicht mein Fahrrad in den Händen halte, sondern gerade die Sackkarre aus dem Keller hoch geholt habe. Oh weh, oh weh, wenn ich auf das Ende seh.

Fazit:
In einem Atemzug mit Elke Streicher und den anderen Strategen genannt zu werden, ein Paar Falkesocken und ein Finisher-Funktions-Shirt mit Kultstatus obendrauf, nicht zu vergessen das Oatsnack Cappy, ein Lauf bei traumhaften Wetterbedingungen (Badwater-Feeling), VPs, die einem kalten Buffet in nichts nachstehen (Essen und Trinken, so viel man mag), das alles für 24,- Euro. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich in meinem Leben jemals einen höheren Gegenwert für 24,- Euro bekommen hätte. Das ist schwer zu toppen! Darüber hinaus hat Jens mit dieser Veranstaltung einen neuen Qualitätsstandard für Bambiniläufe etabliert.

Pete - der Bambini-Läufer - im Mai 2008

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